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29.7.2010

Ende der Agrareform befürchtet

 

Ende der Agrarreform in Brasilien

 

Harald Schistek von unserer brasilianischen Partnerorganisation IRPAA – der schon mehrfach in Wolfsburg über sein Projekt “Trotz Dürre leben” berichtete - schrieb am 14.05.08:
“ich habe ein Interview vom Guilherme Delgado zusammengefasst. Es zeigt die Zusammenhänge von Agrotreibstoff, Agrobusiness, Latifundien und die Abkehr von der Agrarreform in Brasilien.“


“Der Wirtschaftswissenschaftler Guilherme Delgado, der 2003 an der Ausarbeitung des Nationalen Agrarreformprogrammes beteiligt war, äußerte sich in einem Interview für die Zeitung "Brasil de Fato", dass Präsident Luiz Inacio Lula da Silva sich jetzt voll dem Agrobusiness zugewandt habe. Diese Neuorientierung bewirkt, was den Landwirtschafts­sektor betrifft, einerseits das Ende der Agrarreform und auf der anderen Seite die Wieder­erweckung von Sektoren, die den Export von Rohstoffen priorisieren. Dabei war es die Standarte der PT Partei und aller Wahlkampagnen des Präsidenten Lula und auch seines Regierungsprogrammes, in Brasilien endlich die längst überfällige Agrarreform durchzuführen.

Die Folgen für ein nationales Entwicklungsprojekt, an dem die gesamte Bevölkerung beteiligt wäre, für die Umwelt und für die armen ländlichen Familien. sind katastrophal.

Als Präsident Luiz Inacio Lula da Silva vor sechs Jahre die Regierung antrat, setzt er das noch aus der vorherigen Regierung stammende Agrarreform-Restprogramm fort, weit mehr als Reaktion auf Landbesetzungen und zur Verfügung stehendem Land, als in einem gezielten Plan.

Der Hintergrund für diesen Umschwung, weg von Kleinbauernlandwirtschaft zu Agrobusiness, ist die Notwendigkeit die Handelsbilanz im Gleichgewicht zuhalten. Das Agrobusiness wurde so als großer Lieferant von Dollars ausgewählt, um das Defizit aus Dienstleistung und Industriesektor auszugleichen. Die Option die Produktion von Commodities zur erhöhen, wie Soja, Zellulose, Fleisch und Agrotreibstoffen, bestand schon seit der vorigen Regierung des Präsidenten Fernando Henrique Cardoso, erhielt aber in der Regierung des Präsidenten Luiz Inacio Lula da Silva neue und verstärkte Priorität. Brasilien wird dadurch voll abhängig von einer internationalen günstigen Handelskonstellation und spezialisiert sich gewissermaßen in der internationalen Arbeitsverteilung. Eine gefährliche Spezialisierung. Derzeit besteht eine große Nachfrage nach Rohstoffen, besonders durch den Aufschwung von China und Indien. Die Preise sind hoch, es fließen viele Dollars. Doch diese Situation ist den internationalen Kapitalflüssen unterlegen und garantiert keine Stabilität. Kein Land kann sich so entwickeln, nämlich das Hauptgewicht auf den Export von Primärprodukten zu verlegen. Die Inhaber des Großkapitals konzentrieren in ihren Händen, den daraus resultierenden Reichtum, in einer soliden Allianz zwischen Großindustrie und Latifundienbesitzern.

Das Land für Landreformprojekte fällt dabei den Expansionsstreben der Großunernehmen zum Opfer, bestehenden Agrarreformprojekte fehlen finanzielle Mittel, technische Begleitung und Förderung der Vermarktung. In dieser Richtung wurden von der Regierung Gesetze verabschiedet, um den Unternehmern und Grossgrundbesitzern das Leben zu erleichtern. Das eine ist die MP 422, die beim Verkauf von öffentlichen Land der Agrarreformbehöde (INCRA), von bis zu 1.500 ha Größe, von einer öffentlichen Auschreibung dispensiert. Das andere ist die MP 410. Auf Grund dieses Gesetzes können Landarbeiter, ohne Arbeitsvertrag bis zu 10 Monate angestellt werden. Schützenhilfe erhält die Regierung durch die große Presse und richterliche Entscheidungen, die das Exportmodell von Primärprodukten verteidigen. Alles andere wird als veraltert und als Rückschritt dargestellt. Ein Rückschritt ist aber gerade diese Verbandelung von Großkapital und Latifundien. Was Brasilien benötigt, ist ein Wachstum von Industrie und Dienstleistungssektor, eine nachhaltige Landwirtschaft und eine breite Beteiligung der armen Bevölkerung.

 

Präsident Luiz Inacio Lula da Silva benutzt immer die Schaffung von Arbeitsplätzen als Argument zu Gunsten der Plantagen-Landwirtschaft. Als klassisches Beispiel kann hier aber die Äthanolproduktion dienen. Seit 2001 wurde die mit Zuckerrohr bepflanzte Fläche auf 7 Millionen Hektar1 erweitert (die gesamt unter Bewirtschaftung stehende landwirtschaftliche Fläche beträgt 62 Millionen Hektar!), gemäß den vom statistischen Zentralamt IBGE erhobenen Zahlen. Im Umkreis der Zuckerrohr-Plantagen existiert ein enormes demokratisches Niemandsland. Es sind zusammenhängende Flächen, wenig Arbeitsplätze und die Ausbeutung der Arbeiter ist extrem. Die Zahl der schweren Erkrankungen, gemäß Angaben der brasilianischen Krankenkasse INSS ging hoch von 4.000 Fällen im Jahr 2.000 auf 18.000 in 2006. Das ist ein Sprung von 400%, wie man ihn nicht einmal bei an den sonst als gefährlich geltenden Berufen findet. 2

Es stellt sich die Frage, ob Lula diese Richtungsänderung im Alleingang durchgedrückt hat. Guilherme Delgado sagt dazu, dass auch die sogenannten progressiven politischen Parteien das Exportmodell von Primärprodukten als wichtig verbreiten.

Dazu herrscht in technokratischen Kreisen die Meinung, dass es heut zu Tage eine überholte Sache sein, Agrarreform zu machen. Brasilien kann aber in keiner Weise Europa oder die Vereinigten Staaten als Modell hernehmem. Hier haben wir 100 Millionen Arbeiter, wo sollen diese Arbeitsplätze finden, wenn die Industrieproduktion vernachlässigt und auf Großflächen immer mehr mit weniger Arbeitsplätzen produziert wird? Und wie soll das Land mit Grundnahrungsmitteln versorgt werden, die zum Teil fast 100 %ig von der kleinbäuerlichen Landwirtschaft produziert werden? Die Großunternehmen kümmern sich nicht um irgendeine soziale Funktion, um das Recht auf Land, weder um Umweltfragen oder Arbeitsbedingungen. In Brasilien, wie kaum in einem anderen Land der Erde ist die Agrarreform eine Sache der Gerechtigkeit gegenüber seiner Bevölkerung und eine Frage der nationalen Stabilität. Man könnte sogar so weit gehen und sagen, dass Brasilien prädestiniert ist ein neues Projekt der Bevölkerungsverteilungs zu etablieren, in dem der Zug zu Mega-Cities durch die Schaffung von gerechten Lebens-und Arbeitsbedingungen im ländlichen Bereich ersetzt wird. Es ist nötig, den Fortschritt des Agrobusiness zu stoppen und eine Land- und Agrarpolitk zu schaffen, die alle einbezieht und die immer größer werdende Ungleichheit in der Gesellschaft ausgleicht. Aber derzeit wird in Brasilien das Entwicklungsmodell aus den Zeiten der Militärregierungen wiederholt. Die Abhängigkeit Brasilien vom Ausland wird größer und das Agrobusiness wird langfristig nicht die Handelsbilanz im Gleichgewicht halten können, nicht die sozialen Fragen lösen, noch die Arbeitslosigkeit verringern. Es sind Entscheidungen, die nicht nur den Agrarsektor, sondern Brasilien als Ganzes betreffen.

18.04.2008

1 Dies sind 70.000 km². Nordrhein-Wesftfalen hat 34.080 km², Bayern 70.553 km² und Österreich 83.858 km²

2 Durch die fortschreitende Automatisierung der Landwirtschaft ist jedoch damit zu rechnen, dass in naher Zukunft selbst diese Arbeitsplätze verloren gehen: hochtechnisierte Zuckerrohrerntemaschinen sind bereits im Einsatz. Eine dieser Machinen verrichtet die Arbeit von 50 Zuckkerrohrerntearbeiter und kann noch dazu 24 Stunden im Einsatz sein.

Hunger nach Land in Brasilien

Ungleiche Landverteilung
Ungleiche Landverteilung
Not der Landlosen
Not der Landlosen

Laut Angaben des Nationalen Institutes der Kolonisierung und Agrarreform (Instituto Nacional de Colonizacao e Reforma Agraria) sind 62,4 % der landwirtschaftlichen Flächen Brasiliens unproduktiv. Unproduktiv bedeutet, dass das Land zwar fruchtbar ist, vom Besitzer aber brach liegen gelassen wird.


Brasilien ist das zweitgrößte Land der WeIt mit seiner Konzentration von unproduktiven landwirtschaftlichen Flächen. Ein kleinbäuerlicher Familienbetrieb schafft auf je 5 ha einen Arbeitsplatz. Im Vergleich dazu benötigt ein Großgrundbesitz 223 ha, um einen Arbeitsplatz zu schaffen.

Zwischen den Jahren 1985 und 2002 wurden 1.150 landw. Arbeiter und Arbeiterinnen sowie Menschen, wie Rechtsanwälte, Basisarbeiter, die sich für die Kleinbauern und Kleinbäuerinnen in dem Kampf um die gerechte Landverteilung einsetzen, umgebracht.

In der Regel gehen die Anstifter und Täter dabei beinahe immer strafftei aus. 
Von den 1.150 Mordfällen kamen lediglich 121 Täter zu Gericht.
Von den Auftraggebern kamen lediglich 14 vor Gericht, wobei nur 7 davon bestraft wurden.

Familienlandwirtschaft

Familienlandwirtschaft
Familienlandwirtschaft

In Brasilien betreiben 4 Millionen Familien kleinbäuerliche Landwirtschaft. Dies trägt zur Schaffung von insgesamt 14 Millionen an Arbeitsplätzen bei. Diese kleinbäuerlichen Familien produzieren 70 % der Nahrungsmittel, die in Brasilien konsumiert werden, sowie Kunsthandwerke, etc.


Die Familienlandwirtschaft ist wirschaftlich rentabel, wenn an die jeweilige klimatische und lokale Situation angepaßte Technologien verwendet werden. Die angepassten Methoden können der kleinbäuerlichen Familie ein sicheres Einkommen garantieren, ihre Kenntnisse vertiefen, ihren Horizont erweitern und ihren Platz am internen und externen Wirtschaftsmarkt gewährleisten. Dies ist ein Weg, damit die Familien ihre Unabhängigkeit, sowie ihre Rechte und Menschenwürde erlangen und sie nicht mehr gezwungen sind, in die Großstädte zu migrieren um versuchen, sich dort ihren Lebensunterhalt zu verdienen.

Durch die Familienlandwirt­schaff können 76,9% der Arbeitsstellen auf dem Land gesichert werden.  Dies entspricht 18%  der landwirtschaftlich aktiven Bevölkerung in Brasilien.


Von den  17,3 Millionen ländlicher Arbeiter und Arbeiterinnen in Brasilien arbeiten 13,7 Millionen in der Familienlandwirtschaft. Diese arbeiten auf 30,5 % des kultivierten Landes.


Die hohe Produktivität der Familienlandwirtschaft ist bemerkenswert, was mit dem folgenden Beispiel deutlicher wird:

  • 24 % des Schlachtviehs
  • 52 % Milchwirtschaft
  • 40 % der Geflügelzucht und Eierproduktion
  • 67 % der Bohnenproduktion
  • 84 % der Maniokproduktion

 

Es fehlt allerdings noch, dass die Bedeutung der Familienlandwirtschaft der gesamten Gesellschaft klar wird und deren sozial-wirtschaftliches Potenzial proaktiv zu Gunsten des Landes eingesetzt wird.