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29.7.2010



 

Rede von Prof. Dr. Carl H. Hahn

Prof. Dr. Carl H. Hahn
Prof. Dr. Carl H. Hahn

Zur Eröffnung der Aktion "Trotz Dürre leen" am 13.02.2002 hielt der Schirmherr der Aktion, der ehemalige Vorsitzende des Vorstands der Volkswagen AG, Prof. Dr. Carl H. Hahn die folgende Rede:

"Ich betrachte die von mir übernommene Schirmherrschaft über die "Fastenaktion Wolfsburg-Gifhorn" als eine große Ehre und hoffe, als Verstärker für unsere Botschaft an unsere Mitbürger zu wirken.
Als Volkswagen-Stadt haben wir eine lange Tradition, in der Welt segensreich zu wirken, was ich für eine ausgezeichnete Voraussetzung für unsere Aktion halte. Mit der Produktion des ersten Volkswagen nach dem Krieg schufen wir Arbeit für die Menschen in Niedersachsen, wurden zur Lokomotive des wirtschaftlichen Aufschwungs in Deutschland und ein Vorbild als Unternehmen und Gemeinwesen. Wohl kaum ein anderes Unternehmen hat in der Welt, besonders auch in der Dritten Welt, soviel Arbeit, Wohlstand und vorbildliche Einrichtungen geschaffen, den Menschen damit ein Mehr an Chancen eröffnet, als Volkswagen mit seinen Mitarbeitern. Sie, die Sie heute Abend hier versammelt sind, wissen dies, haben dazu ihren Beitrag geleistet, sei es direkt oder indirekt.
Dass uns dies gelang, muß uns mit Dankbarkeit erfüllen, denn es gibt uns in einer Welt, in der 3 von 6 Milliarden Menschen unser aller Unterstützung und Zuwendung so dringend bedürfen, die Voraussetzung und Freude, aktiv helfen zu können. Mein Appell richtet sich deshalb auch an alle Bürger unserer beiden Städte. Wolfsburg, als Hauptstadt von Volkswagen, wie auch Gifhorn mit seinem weiten Umland, das heute für viele der VW-Mitarbeiter zur Heimstatt geworden ist hängen gemeinsam wie kaum eine andere Region vom globalen Erfolg unserer aller Arbeit ab. Erfolg und Wohlstand sind langfristig jedoch nur in einer friedlichen Welt möglich, wie wir aus Erfahrung wissen.

Deshalb steht es uns meiner Meinung nach sicher gut zu Gesicht, den Versuch zu wagen, unser Projekt als eine Bürgerinitiative zu organisieren, als Wolfsburger und Gifhorner Flagge zu zeigen, und dabei den eingespielten, sparsamen und produktiven Apparat von Misereor zu nutzen. Dies wäre übrigens ganz ähnlich der VW-Belegschaftsaktion für die Straßenkinder Brasiliens, die ein gutes Vorbild für uns ist und an der wir alle ja praktisch ebenfalls beteiligt sind, im besten Sinne dieses Wortes...
Warum wählte das Dekanat aber gerade Brasilien?

Ganz einfach: Wir haben vielfältige und besonders starke Bindungen zu diesem Land. Seit 1953 bereits sind wir industrielle Bürger Brasiliens. Tausende Wolfsburger haben inzwischen dort gelebt, gearbeitet und viele Wurzeln geschlagen. In Brasilien erfolgte Anfang der 50er Jahre unsere - und gleichzeitig Deutschlands - größte Auslandsinvestition. Die Volkswagen do Brasil entwickelte sich fortan nicht nur zu unserer bedeutendsten Tochtergesellschaft, sondern auch zum größten Unternehmen Südamerikas, wobei es alle alteingesessenen Konkurrenten überholte.
Zigtausende von Familien erhielten durch unser Engagement Arbeit zu nach dortigen Maßstäben beispielhaften sozialen Bedingungen. Gleichzeitig gaben wir dem Land beträchtliche wirtschaftliche Impulse und wurden zu seinem - meist - führenden Steuerzahler wobei nicht vergessen werden soll, dass wir dort in der Regel, wenn auch nicht immer, ausgezeichnete Gewinne machten.
Aber gerade aus unserer nunmehr über ein halbes Jahrhundert währenden engen Verbundenheit zu Brasilien wissen wir, dass es dieses Land mit seiner mehr als doppelt so großen Bevölkerung wie Deutschland und einer Gesamtfläche, die dem 2 1/2-fachen der Europäischen Union entspricht, nicht geschafft hat, seine großen natürlichen Reichtömer in fairer Weise zum Wohle aller seiner Menschen zu entwickeln. Etliche Millionen seiner Bürger leben unter der Arrnutsgrenze. Wir alle kennen die großen politischen und auch ökologischen Probleme praktisch ganz Südamerikas.

Brasilien ist ein im Hinblick auf seine Naturschätze unendlich reiches Land mit guten Voraussetzungen auch für die Landwirtschaft.
Diese war im Übrigen schon immer auch ein bedeutender Exportfaktor, gleichzeitig aber auch ein Quell für unendlich große Probleme und Ungerechtigkeiten, die uns allerdings nicht davon abhielten, uns des brasilianischen Obstes oder Spargels im Winter zu erfreuen. Viele Tausende Kleinbauern verloren durch Zwangsumsiedlungen ihr Land am Rio Sao Francisco und wurden in die weitläufigen Dürregebiete im Nordosten Brasiliens abgedrängt. Völlig hilflos und unvorbereitet setzte man sie dort der unmittelbaren Existenznot aus. Es ist deshalb dringende Hilfe und Unterstützung in dieser unwirtlichen Region notwendig, um den Menschen dort in ihrem täglichen Überlebenskampf wieder neue Hoffnung auf ein besseres Leben zu geben. Dass dies erfolgreich möglich ist, wissen wir aus anderen Regionen der Welt, besonders in Afrika.
Eine kleine private landwirtschaftliche Organisation praktiziert - wenn auch noch in zu kleinen Schritten - in dem riesigen, fast eine Million Quadratkilometer großen Trockengebiet im nordöstlichen Brasilien "Hilfe zur Selbsthilfe" in Form von Schulung und Beratung. Die Maßnahmen reichen dabei von der Anleitung zur besseren Nutzung des Regenwassers, öber den Brunnenbau bis hin zum Bau unterirdischer Wasserspeicher. Oberstes Ziel ist vor allem aber der Aufbau einer klimagerechteren, weniger wasserintensiven Landwirtschaft. Hierzu gehört zum einen die Umstellung der Viehhaltung von Rindern auf Ziegen, die lediglich etwa ein Zehntel des Wasserbedarfs eines Rindes benötigten. Die Ziege wurde deshalb auch als Symbol für unsere Aktion ausgewählt. Ebenso wichtig ist der Übergang von Mais auf die weitaus unempfindlichere Hirse.
Je nach dem Erfolg unseres Projekts entscheiden wir über die Zahl der Familien, die wieder unter erträglichen menschwürdigen Bedingungen werden leben können. Vielleicht sollten wir uns am Ende einer, ich betone, erfolgreichen Aktion, darüber Gedanken machen, ob wir in dieser Region mittelfristig deutliche Spuren hinterlassen wollen, indem wir "Wolfsburger Brunnen" zu einem Markenzeichen sozialer Verantwortung und damit praktizierten Christentums werden lassen. Dies braucht unsere Kirche.
In dieser Hoffnung engagiere ich mich für dieses Projekt und appelliere an unsere Mitbürger. Wenn es uns mit unserer Aktion gelänge, von "nur" 10.OO0 Wolfsburgern und Gifhornern das durchschnittliche Einkommen eines Tages zu erzielen, wäre dies ein zur Realität gewordener Traum. Wir könnten damit als Bürger dieses Landes ein Zeichen setzen - eines Landes, das seine Entwicklungshilfe nicht wie international vereinbart mit 0,7% seines Bruttosozialproduktes erfüllt, sondern gerade einmal mit der Hälfte davon.
Bedauerlicherweise sind wir damit in guter Gesellschaft mit fast allen reichen  Nationen dieser Erde, die so gern von Gerechtigkeit sprechen und das Elend und die Kriege der Welt so aufmerksam und kritisch am Fernseher verfolgen. Wir Wolfsburger hingegen kämen dann auf die Größenordnung, die wir uns wohl schulden und die zu unserer Tradition so perfekt paßte."