
Zweitgrößter Strom Brasiliens

- Staudamm
Sao Francisco - die Lebensader des Nordostens
Der São Francisco Fluss gilt als die Lebensader Nordostbrasiliens, insbesondere des semi-ariden Teiles. In seinem 640 000 km2 umfassenden Einzugsbereich leben 14 Millionen Menschen, verteilt auf 503 Gemeinden. Von seinen 2700 km durchqueren 58% das sogenannte Dürrevieleck. Obwohl der Fluss für Millionen Menschen und eine Unzahl von Pflanzen und Tieren lebensnotwendig ist, leidet er besonders in den letzten Jahren unter den Folgen eines sozial und ökologisch unhaltbaren Entwicklungsmodells:
- 5 große Staudämme verändern seinen natürlichen Wasserzyklus (Fische können nicht im Oberlauf laichen und Uferbewohner verlieren ihre wirtschaftliche Lebensgrundlage
- Abholzung der Uferwälder und der natürlichen Vegetation Cerrado und Caatinga für riesige Monokulturen von Eukalyptus und Soja (Quellflüsse trocknen aus und der Fluss versandet);
- Bewässerungsgroßprojekte für den Export konzentrieren das Land und das Wasser (die lokale Produktion und Märkte gehen zugrunde und vergrößern das Elend in den Städten
- Verschmutzung durch Schädlingsbekämpfungsmittel und sanitäre Abwässer vergiftet das Wasser und bedroht Fische.
70.000 werden vertrieben

- Bischof Rodriguez und Harald Schistek
"Das Sterben des São-Francisco-Tals ist Teil einer weltweiten Krise, in der der Traum von der grenzenlosen Entwicklung, die Unterentwicklung für die immense Mehrheit der Bevölkerung erzeugt und in der der Traum von der Herrschaft über die Natur ihre Rebellion hervorgerufen hat, die das Leben des ganzen Planeten bedroht" - Adriano Martins, brasillanischer Soziologe.
Chico ist einer von über 70.000 Menschen, die den Chico Velho -den alten Franz wie sie ihren Fluß liebevoll nennen - verlassen mußten, als der Sobradinho kam. Der Sobradinho ist einer der größten Stauseen der Welt - so groß, als würde man den Rhein von Köln bis Straßburg aufstauen. Chicos Land liegt jetzt irgendwo in den Fluten. Sein neues Stück Land, auf das er "umgesiedelt" worden ist, befindet sich gut 100 km von seiner alten Heimat entfernt, tief in der Halbtrockenzone des Sertão. Offensichtlich hat dieses Land vorher niemand genutzt. Höchstens ein paar Rinder haben sich gelegentlich hierher verirrt.
"Aber wir sind ja sogar noch ganz gut dran", sagt Chico mit sarkastischem Unterton. Andere sind einfach weggejagt worden, weil ihnen ihr Land angeblich sowieso nicht gehörte. Oder man hat ihnen als ,Entschädigung' eine Fahrkarte in irgendeine Großstadt in die Hand gedrückt. "Umgesiedelt" oder vertrieben worden sind nicht nur die Menschen am Fluß, sondern auch die im Hinterland, weil in der Umgebung des neuen Stausees von Großgrundbesitzern und Landwirtschafts-Konzernen riesige Plantagen angelegt wurden. Aufwendige Bewässerungsanlagen, die mit Wasser und Elektrizität vom Sobradinho versorgt werden, ermöglichen hier den Anbau von Melonen, Tomaten, Spargel, Mangos, Trauben und anderen Früchten für den Export in die reichen Industriestaaten. Einige der Kleinbauern, die ihr Land verloren haben, arbeiten jetzt als Saisonarbeiter auf den Plantagen - allenfalls für den gesetzlichen Mindestlohn von DM 150.-, bei ähnlich hohem Preisniveau wie in der Bundesrepublik.
"Früher haben die Menschen hier Maniok, Reis und Bohnen für den eigenen Bedarf angebaut. Jetzt werden noch üppiger die Tische derer gedeckt, die ohnehin schon genug haben, während ein Großteil unseres Volkes hungert", empört sich Bischof Dom José Rodrigues, in dessen Diözese Juazeiro/Bahia der Sobradinho liegt. Er gehört zu den wenigen, die denn Skandal offen beim Namen nennen und sich ohne Wenn und Aber auf die Seite der Opfer stellen - auch durch konkrete Unterstützung: von der Organisationshilfe beim Aufbau von Landarbeiter-Gewerkschaften über Rechtsberatung bei Landkonflikten bis hin zu einer Bauernschule (IRPAA).
Protest gegen die Ableitung des Rio Sao Francisco
Brief des Bischofs von Barra an Präsident Lula
Barra, 26.9.2005
Herr Präsident Frieden und Wohl!
Wer Ihnen schreibt, ist der Bischof Dom Frei Luiz Flavio Cappio, OFM, Bischof der Diözese von Barra, im Bundesstaat Bahia.
Ich hatte die Möglichkeit Sie persönlich kennenzulernen, während Ihres Aufenthaltes in Bom Jesus da Lapa, anlässlich der Caravana da Cidadania pelo Sao Francisco (Aktion: Karavanne des Bürgerrechts für den Sao Franciscofluss), im Jahre 1994. Dies geschah wenig später, als wir die Pilgerfahrt auf dem Franciscofluss, vom Ursprung des Flusses bis zur Flussmündung, durchgeführt hatten. Die Pilgerfahrt hatte das Ziel, bewusstseinsbildende Arbeit zu leisten, vor allem für die Bevölkerung, die an den Flussufern lebt um sie hinsichtlich der Wichtigkeit des Flusses für das Leben Aller aufmerksam zu machen und der Notwendigkeit den Fluss zu schützen. Ich wurde Ihnen von meinen Teologieprofessor, Fr. Leonardo Boff vorgestellt.
Ich war immer Ihr grosser Bewunderer. Aktiv habe ich an allen Wahlkampagnen der PT (Arbeiterpartei) teilgenommen mit dem Traum, das Volk an der Macht zu sehen. Als die Regierung unter Fernando Henrique Cardoso das Projekt der Ableitung des Sao Franciscoflusses vorgestellt hatte, waren wir aufgebrachte Kritiker gegen dieses Projekt. Seitdem betonen wir die dringende Notwendigkeit der Wiederherstellung des Flusses und der Durchführung von Projekten, die die wirkliche Entwicklung der armen Bevölkerung des Nordostens garantieren können: Eine Politik der Konviventia mit dem semi-ariden Klima für die Bevölkerung in Flussnähe und derjenigen die entfernt vom Fluss leben.
Wir erwarteten von Ihnen eine grössere Unterstützung für das Leben des Flusses und seiner Bevölkerung. Wir erwarteten dass Sie, angesichts der so vielen und beständigen Proteste von politischer, wirtschaftlicher, Umwelt- und juristischer Seite, Ihre Einstellung zu dem Projekt der Ableitung des Sao Franciscoflusses ändern könnten, bei dem es an Ehrlichkeit und Transparenz fehlt.
Wenn Verständnis und Vernunft aufhören, spricht der Wahnsinn lauter. In meinem Tun existert keinerlei Anti-Lula Gesinnung, in diesem für die Nation so empfindlichen Moment. Im Gegenteil. Wer weiss, vielleicht ist dies eine extreme Art, Ihnen zu helfen mit dem Herzen zu verstehen, was der Verstand nicht begreifen kann.
Sie haben die Möglichkeit, sich dem Protest anzuschließen.





