Die offizielle Projektbeschreibung von MISEREOR
Ein Tal stirbt Ich bleibe hier Mangel an Gerechtigkeit, nicht an Wasser
Reichtum und Macht in der Hand weniger Gewaltsamer Landerwerb Verelendung des Volkes
Was sagt die Kirche? Das Klima neu sehen Armut ist keine Frage des Klimas
Die Wünschelrute ist kein fauler Zauber Die Ziege als Lebenskünstlerin
Ein Tal stirbt
70.000 werden vertrieben - Sobradinho
"Das Sterben des São-Francisco-Tals ist Teil einer weltweiten Krise, in der der Traum von der grenzenlosen Entwicklung, die Unterentwicklung für die immense Mehrheit der Bevölkerung erzeugt und in der der Traum von der Herrschaft über die Natur ihre Rebellion hervorgerufen hat, die das Leben des ganzen Planeten bedroht." (Adriano Martins, brasillanischer Soziologe)
Auch Chico kennt die Geschichte. Schon als Kind hat er sie von seinem Großvater gehört. Und er weiß noch gut, daß sie ihm gleich gefiel, weil sie mit seinen Namenspatron zu tun hat:
"In alter Zeit versammelte Jesus seine zwölf Jünger um sich und teilte die Reichtümer der Erde als Geschenk unter ihnen auf. Als zu späterer Zeit der heilige Franziskus in den Himmel kam, wollte Jesus auch ihm ein Geschenk machen und bot ihm einen mächtigen Fluß an, den einzigen Reichtum, den er noch nicht vergeben hatte. Franziskus nahm das Geschenk mit großer Freude an und fragte, ob er mit ihm machen könne, was er wolle. Befriedigt über die Zusage, lief er den ganzen Fluß entlang und teilte Einladungen zu einer großen Volksversammlung in der Serra da canastra aus, wo der Rio São Francisco entspringt. Als alle versammelt waren, segnete er den Fluß und übergab ihn den Armen, damit sie an seinen Ufern wohnen und von ihm leben. Feierlich sprach er: Wer an dem Fluß lebt, wird nie reich sein, nie an Hunger oder Durst sterben und nie mehr als ein Hemd besitzen."
Wenn Chico die Geschichte erzählt, klingt aus jedem seiner Worte Wehmut. Bis vor einigen Jahren hat er mit seiner Familie wie seine Vorfahren noch am Rio Säo Francisco gelebt. "Auch dort war es für uns nicht einfach, aber Not haben wir selten gelitten. Der Fluß gab uns nicht nur genug Fisch, sondern auch Wasser für unsere Felder. So konnten wir, auch wenn der Regen ausblieb, immer etwas anbauen. Doch jetzt haben wir keinen Fisch mehr. Und wie sollen wir hier, bei der häufigen Trockenheit, genug ernten, um zu überleben?"
Chico ist einer von über 70.000 Menschen, die den "Chico Velho" -den "alten Franz", wie sie ihren Fluß liebevoll nennen - verlassen mußten, als der Sobradinho kam. Der Sobradinho ist einer der größten Stauseen der Welt - so groß, als würde man den Rhein von Köln bis Straßburg aufstauen. Chicos Land liegt jetzt irgendwo in den Fluten. Sein neues Stück Land, auf das er "umgesiedelt" worden ist, befindet sich gut 100 km von seiner alten Heimat entfernt, tief in der Halbtrockenzone des Sertão. Offensichtlich hat dieses Land vorher niemand genutzt. Höchstens ein paar Rinder haben sich gelegentlich hierher verirrt.
"Aber wir sind ja sogar noch ganz gut dran", sagt Chico mit sarkastischem Unterton. "Andere sind einfach weggejagt worden, weil ihnen ihr Land angeblich sowieso nicht gehörte. Oder man hat ihnen als ,Entschädigung' eine Fahrkarte in irgendeine Großstadt in die Hand gedrückt."
"Umgesiedelt" oder vertrieben worden sind nicht nur die Menschen am Fluß, sondern auch die im Hinterland, weil in der Umgebung des neuen Stausees von Großgrundbesitzern und Landwirtschafts-Konzernen riesige Plantagen angelegt wurden. Aufwendige Bewässerungsanlagen, die mit Wasser und Elektrizität vom Sobradinho versorgt werden, ermöglichen hier den Anbau von Melonen, Tomaten, Spargel, Mangos, Trauben und anderen Früchten für den Export in die reichen Industriestaaten. Einige der Kleinbauern, die ihr Land verloren haben, arbeiten jetzt als Saisonarbeiter auf den Plantagen - allenfalls für den gesetzlichen Mindestlohn von DM 150.-, bei ähnlich hohem Preisniveau wie in der Bundesrepublik.
"Früher haben die Menschen hier Maniok, Reis und Bohnen für den eigenen Bedarf angebaut. Jetzt werden noch üppiger die Tische derer gedeckt, die ohnehin schon genug haben, während ein Großteil unseres Volkes hungert", empört sich Bischof Dom José Rodrigues, in dessen Diözese Juazeiro/Bahia der Sobradinho liegt. Er gehört zu den wenigen, die denn Skandal offen beim Namen nennen und sich ohne Wenn und Aber auf die Seite der Opfer stellen - auch durch konkrete Unterstützung: von der Organisationshilfe beim Aufbau von Landarbeiter-Gewerkschaften über Rechtsberatung bei Landkonflikten bis hin zu einer Bauernschule.
Von dieser Schule hat Chico gehört. Einer seiner Nachbarn ist dort gewesen. Man soll dort lernen können, wie man trotz Trockenheit auf den Feldern etwas anbauen und Tiere halten kann. Was früher der Fisch war, sollen jetzt die Ziegen sein. Und statt Reis sollte z.B.<//acronym><//acronym> Hirse angebaut werden. Auch wenn Chico da etwas skeptisch ist, möchte er gern einen Kurs in dieser Schule besuchen. Einen Versuch sei es auf jeden Fall wert, meint er. Vielleicht gäbe es ja doch ein wenig neue Hoffnung für ihn und seine Familie, auch wenn er den chico Velho nie vergessen könnte.
2 ha Acker - ich bleibe hier!
"Ein bißchen Hoffnung, und wir bleiben hier. Denn wir lieben dieses Land, es ist unser Zuhause."
Ein Kleinbauer aus dem Sertão
Wenn er sich bewegt, merkt man, daß er viel jünger ist, als er aussieht. Das harte Leben von Kindesbeinen an, die zahllosen Demütigungen eines Armen haben tiefe Furchen in sein von der Sonne gegerbtes Gesicht gezogen. Auf dem Kopf trägt João Ribeiro Mendes, wie alle Kleinbauern und Landarbeiter des Nordostens, einen breitrandigen Hut aus Ziegenleder.
Seit Tagen sitzt João vor seiner Hütte und starrt in den hellblauen Himmel, der sich einfach nicht verdunkeln will. Denn es ist Regenzeit, doch für die sehnlichst erhofften Niederschläge gibt es keine Anzeichen.
Immer wieder senkt João seinen Blick auf den Boden, der den Regen so dringend nötig hätte. Verkrustet und ausgedörrt liegen seine zwei Hektar Ackerland da, die in normalen Jahren so gerade ausreichen, um ihn und seine Familie zu ernähren. Falls es jetzt doch noch ein wenig regnen sollte, wird die Ernte nur einen Bruchteil von dem ausmachen, was er eigentlich braucht.
Für João ist die Situation nicht neu. Regelmäßig alle paar Jahre wird der Sertäo von einer verheerenden Dürre heimgesucht. Und in letzter Zeit sind die Abstände kürzer geworden. viele sind deswegen schon abgewandert, auch die beiden ältesten Söhne Joãos. Jetzt wird wohl noch ein Sohn gehen. Aber nicht wie seine Brüder in den reichen Süden nach São Paulo. Denn Säo Paulo, so hört man, ist voll. Immer mehr Zuwanderer werden jetzt dort weggeschickt. So muß er in Salvador sein Glück versuchen - Glück in Form einer Favela-Hütte und einer miserabel bezahlten Arbeit, wenn er überhaupt eine findet. Auch der Nachbar hat sich schon verabschiedet. Mit dem Geld, das er von dem Großgrundbesitzer Pedro Rocha für sein Land bekommen hat, kann er gerade den Bus nach Salvador bezahlen.
Eine Staubwolke auf der nahegelegenen Sandpiste kündigt die Ankunft eines Autos an. João weiß, was jetzt kommt:
Pedro Rocha möchte das vom Nachbarn "erworbene" Land abrunden und ihm ein "Kauf-Angebot" machen.
Senhor Rocha hat genug Geld, um das Land zu bewässern, Pestizide und chemische Düngemittel herbeizuschaffen, Spargel, Melonen und Tomaten anzupflanzen - um damit noch mehr Geld zu machen und weiteres Land "kaufen" zu können.
Der Unterhändler Rochas wird zuerst sehr freundlich sein, dann immer hartnäckiger werden und schließlich drohen.
Wenn João nicht "verkauft" und nicht verschwindet, wird wie zufällig das ,Carro-Pipa', der Wassertankwagen der Gemeinde, nicht mehr bis zu seinem Haus finden. Und falls es wegen der Dürre zu einer Hungersnot kommt, wird es für Pedro Rocha kein Problem sein, die Lebensmittelhilfen der Regierung umzuleiten. Denn er ist nicht nur der reichste Großgrundbesitzer der Gegend, sondern auch der Bürgermeister.
João ist dennoch fest entschlossen, hart zu bleiben. Auf keinen Fall will er sein Land abtreten und im Gestank einer Favela enden. Er kann nicht sagen, daß er keine Angst vor Rochas Leuten hätte. Aber er fühlt sich nicht allein. vor zwei Jahren hat er sich mit 30 anderen Kleinbauern-Familien zu einer Basisgemeinde zusammengeschlossen. Dabei haben alle geschworen, zusammenzuhalten und sich nicht von ihren Land vertreiben zu lassen.
Neue Hoffnung gibt es aber auch noch aus einem anderen Grund. Zwei Bauern der Basisgemeinde waren für mehrere Tage in einer Landwirtschaftsschule im 150 Kilometer entfernten Juazeiro. Dort haben sie erfahren, wie man als Kleinbauer im Sertão mit der Trockenheit fertig werden und Tierzucht und Feldbau betreiben kann. Jetzt sind alle gespannt, ob sich das in die Tat umsetzen läßt.
Landlosenbewegung MST
Mangel an Gerechtigkeit, nicht an Wasser
Das Hauptproblem des Nordostens ist weder ein Mangel an Wasser noch das Ausbleiben des Regens, sondern die wachsende Verarmung der Bevölkerung als Folge einer langanhaltenden und strukturellen Ungerechtigkeit. (Die brasilianische Bischofskonferenz)
"Das Elend im Nordosten immer nur auf die Dürre zu schieben, ist eine billige Ausrede derjenigen, die hier die Macht haben und aus Eigeninteresse nichts verändern wollen", sagt Jose Ricardo von der Landlosen-Bewegung "Sem Terra" (MST), die sich für die Rechte landloser und vertriebener Kleinbauern einsetzt. Schon ein oberflächlicher Blick auf die regionalen Verhältnisse im Nordosten genüge, um dies zu erkennen. "In Maranhäo, wo relativ viel Regen fällt, gibt es genauso viel oder noch mehr Hunger als im trockenen Ceara. Die Landarbeiter in den feuchten Küstenwäldern von Pernambuco sind genauso unterernährt, so krank und so arm wie die Landarbeiter im halbtrockenen Sertão."
Das Dürre-Vieleck des Nordostens, wie der Sertão auch genannt wird, ist beinahe dreimal so groß wie die Bundesrepublik Deutschland und erstreckt sich vom Norden des Bundesstaates Minas Gerais über große Teile der Bundesstaaten Bahia, Goiãs, Pernambuco, Cearã und Piaui bis hin zum Süden des Bundesstaates Maranhão. Das Klima ist in den vegetationsärmeren Teilen halbtrocken, niemals aber ganz trocken. Das Gebiet wird von einem großen Wasserlauf, dem Rio São Francisco, durchzogen, dessen Becken an Fläche fast die Hälfte des Sertão ausmacht.
Trotz der Konzentration der Niederschläge auf einen relativ kurzen Zeitabschnitt des Jahres, ist die durchschnittliche Niederschlagsmenge mit 600 mm gut. In mehr als der Hälfte des Nordostens liegen die Niederschlagsmengen sogar zwischen 750 und 1.000 mm. Nur 0,25 Prozent des Sertão weist weniger als 250 mm auf. In Israel, Jordanien oder Marokko kommt der Anbau landwirtschaftlicher Produkte teilweise mit 100 mm Niederschlag aus - bei ähnlich hohem Verdunstungsgrad wie im Sertão.
Neben dem Regen gibt es noch große unterirdische Wasservorkommen, die Quellen, Brunnen und Seen speisen. Sie entstehen durch im Boden versickerndes Regenwasser, das unterirdische Reservoirs bildet. Man findet sie in unterschiedlicher Tiefe bis zu 3.000 m. Eine weitere große Wasserreserve stellen die mehr als 1.000 Stauseen dar. In der jeweiligen Größe sehr unterschiedlich, speichern sie insgesamt ungefähr 15 Milliarden Kubikmeter Wasser.
Es gibt also genügend Wasser im Sertão, auch in den Dürreperioden, deren zyklische Wiederkehr im übrigen seit Jahrhunderten bekannt und inzwischen sogar weitgehend voraussehbar ist.
"Doch das Wasser, sagt Josã Ricardo, "wird zum Anbau von Zuckerrohr verbraucht, aus dem Alkohol als Benzinersatz gewonnen wird, damit der ,Durst' der Autos der Reichen gelöscht werden kann. Oder zur Bewässerung von Export-Plantagen, damit die Industrieländer das ganze Jahr über Südfrüchte und Delikatessen wie Spargel auf dem Tisch haben - während hier die große Masse des Volkes Hunger und Durst leidet."
Reichtum und Macht in Händen weniger
Die Misere des Nordostens ist nicht einfach "vom Himmel gefallen". Sie wurde "geschaffen", und in diesem Sinne ist sie eine nationale sowie internationale Frage. Die sozialen und wirtschaftlichen Folgen der häufigen Dürre haben mehr zu tun mit der Gesellschaftsstruktur als mit den klimatischen Bedingungen; sie haben mehr zu tun mit der Frage der Beteiligung aller an den gesellschaftlichen Gütern als mit den meteorologischen Problemen, obwohl natürlich die periodischen Dürrezeiten ernsthaft zur Verschärfung der Situation beitragen und daher nicht verharmlost werden dürfen. Die Hauptursache für die anhaltende Notsituation im Nordosten ist die wachsende Konzentration von Grundbesitz und damit einhergehend die von Reichtum und Macht.
Aufgrund der Tatsache, dass der Grundbesitz in der Region eines der wichtigsten Instrumente der Machtausübung und des Zugangs zu anderen Formen des Reichtums ist, kann die Größe des Grundbesitzes als Anhaltspunkt für die wirtschaftliche, politische und soziale Macht der großen Latifundienbesitzer gegenüber den kleinen landwirtschaftlichen Produzenten betrachtet werden. Um ein Beispiel zu nennen:
Im ländlichen Nordosten ist eine außerordentlich hohe und noch wachsende Einkommenskonzentration zu beobachten. Nach den Daten der Volkszählungen von 1970 und 1980 bezogen 20 Prozent der Bevölkerung, die 1970 noch über 5,2 Prozent des Gesamteinkommens verfügten, 1980 nur noch 3,8 Prozent. Demgegenüber steht das andere Extrem, bezogen auf denselben Zeitabschnitt: ein Prozent der Bevölkerung erhöhte seinen Anteil am Gesamteinkommen von 10,5 Prozent auf 29,3 Prozent.
Gewaltsamer Landerwerb
Verschärft wird die Bodenkonzentration durch gewaltsame Landnahmen von Großgrundbesitzern, die immer wieder schwere Konflikte auslösen. Im Nordosten tritt der Landraub am intensivsten in den Bundesstaaten Maranhäo und Bahia auf. Dabei bestechen die Täter die Grundbuchämter und Gerichte oder vertreiben ganze Gruppen von Kleinbauern mit Hilfe bezahlter Banden, ohne befürchten zu müssen, dafür strafrechtlich belangt zu werden. Nicht selten ist der Tod das Los derer, die Widerstand leisten und sich für die Sache der Vertriebenen einsetzen.
Verschiedene andere Faktoren wirken parallel oder im Zusammenhang mit der gewaltsamen Landnahme und tragen zur Verschärfung der Konzentration des Bodenbesitzes bei. Seit langem wird - auf nationaler wie auf regionaler Ebene - offiziell eine Politik der Modernisierung der Landwirtschaft betrieben. Hierfür werden in großem Umfang staatliche Instrumente eingesetzt, wie z.B.<//acronym><//abbr> subventionierte Landwirtschaftskredite und Steuererleichterungen. Diese Politik begünstigt die Bildung großer Agrarbetriebe, die größtenteils auf Viehzucht, auf Exportkulturen, die Produktion von Alkohol und Papier oder schlicht auf die Aneignung riesiger Ländereien als Wertreserve ausgerichtet sind. Das hatte und hat die Vertreibung der kleinen Landbesitzer zur Folge.
Verelendung des Volkes
Der Staat selbst beteiligt sich aktiv an diesem Prozeß, z.B.<//acronym> durch den Bau großer Staudämme wie Sobradinho oder Itaparica am Rio São Francisco, was die Vertreibung zehntausender Bauern von deren Land zur Folge hatte. Deren Anspruch auf eine gerechte Entschädigung und auf ein neues Stück Land wurde fast immer mißachtet.
Die städtischen Randzonen füllen sich von Tag zu Tag mehr mit den Vertriebenen der ländlichen Gebiete. Und die Arbeitslosigkeit und das Elend dieser Menschen zerstört nach und nach die Stabilität der Familien und bedroht sie in ihrem Überleben. Fehlende Arbeit, Unterbeschäftigung, Hunger, hohe Kindersterblichkeit, verlassene Minderjährige, Analphabetismus, Prostitution, Gewalt und frühzeitiger Tod sind die unmittelbaren und sichtbaren Folgen dieses Prozesses, der auf dem Land beginnt und in den großen städtischen Zentren seinen traurigen Höhepunkt erreicht. Mit oder ohne Dürre.
Was sagt die Kirche?
"Die Ursachen für die Misere des Nordostens müssen vor allem in der sozialen, wirtschaftlichen und politischen Geschichte Brasiliens im Kontext der Weltwirtschaft gesucht werden. Sie sind nicht das Ergebnis von Fatalismus, Schicksal oder Natur, sondern vielmehr das Ergebnis politischen Handelns bzw. Nichthandelns." (Die brasilianische Bischofskonferenz)
Auszug aus den 1984 von der brasilianischen Bischofskonferenz veröffentlichten Dokument "Der Nordosten - Eine Herausforderung für den Auftrag der Kirche in Brasilien", das in seinen Grundaussagen nichts an Aktualität eingebüßt hat.
Während der Kolonialzeit, als die brasilianische Wirtschaft sich hauptsächlich auf den Zuckerexport stützte, war der Zuckerlieferant Nordosten mehr an den Weltmarkt als an Brasilien gebunden. Später, als der Kaffee den Zucker als wichtigstes Exportprodukt ablöste, aber insbesondere mit der zunehmenden Industrialisierung im Süden und im Zentrum des Landes erfolgte eine wirtschaftliche Entleerung des Nordostens, der von nun an ein Anhängsel dieser Region wurde, so wie er vorher mit der Weltwirtschaft verknüpft war: in kolonialer Abhängigkeit, nun aber im eigenen Land.
Der Nordosten ist Lieferant von Rohstoffen und billigen Arbeitskräften für die zentralen und südlichen Regionen und Abnehmer ihrer Fertigprodukte.
Die Realität des Nordostens und ganz Brasiliens ist heute nicht zu verstehen, wenn nicht gleichzeitig gesehen wird, daß wir in einer Epoche leben, die durch die Internationalisierung der Wirtschaft, der Gesellschaft und der Politik gekennzeichnet ist.
Der Nordosten ist heute Teil dieses Prozesses und leidet unter seinen Widersprüchlichkeiten: auf der einen Seite eine wachsende Konzentration von Besitz, Einkommen und Macht; auf der anderen Seite ein systematischer Ausschluss großer Teile der Bevölkerung von jeglicher Nutzung einer an sich hohen technischen Entwicklung, die aber allein im Dienste einer kleinen Minderheit steht.
Das Klima neu sehen
Das mit Unterstützung der Diözese Juazeiro gegründete Landwirtschaftsinstitut IRPAA untersucht und lehrt Möglichkeiten der Tierzucht und des Feldbaus, die den Klimaverhältnissen des Sertäo angepaßt sind.
Wenn man in Europa von Brasilien redet, stellt sich kaum jemand vor, daß es hier ein fast eine Million Quadratkilometer großes Trockengebiet gibt, sagt Harald Schistek, ein Österreicher, der seit vielen Jahren im Nordosten Brasiliens, dem Sertão, lebt und hier inzwischen eine neue Heimat gefunden hat. Die Region liegt zwischen dem wasserreichen tropischen Amazonasgebiet im Norden und dem klimatisch ausgeglichenen, sehr fruchtbaren Süden des riesigen Landes.
"Aber trotz der Trockenheit ist das Klima hier kein Fluch", ist Schistek überzeugt, "nur viele wissen es noch nicht." Auf ein paar Hektar des von Misereor unterstützten "Regionalen Instituts für angepaßte Kleinbauernlandwirtschaft und Tierhaltung" (IRPAA)<//a><//a> in Juazeiro im Bundesstaat Bahia beweist er sichtbar, wie gut es der Himmel mit der Gegend meint. Er behält das Wissen nicht für sich. Kleinbauern aus dem gesamten Nordosten besuchen die Kurse des Instituts und erleben über ihren Lebensraum einige Überraschungen.
Die "Trockenkatastrophe" ist normal
Die erste betrifft das Klima. "Trockenkatastrophe" sagen die Kleinbauern in den Jahren, wenn in der Regenzeit von November bis Februar weniger Regen als erwartet fällt, wenn ihr Mais auf den Feldern verdorrt und ihre Rinder geschlachtet werden müssen. "Von Trockenkatastrophen kann man nur in Regionen reden, in denen es sonst regelmäßig regnet", entgegnet Schistek ihnen dann. "Im Nordosten ist ein gutes Regenjahr aber die Ausnahme." Im Gedächtnis der Bauern haften jedoch die wenigen Jahre, in denen regelmäßiger Niederschlag zu einer guten Ernte verhalf. Aber das trockene Klima des Sertao ist auch in den Regenmonaten durch unregelmäßige Niederschläge gekennzeichnet. Wenn das den Bauern durch ein paar anschauliche Bildtafeln über Wolkenbildung und Niederschlagsuengen deutlich wird, beginnt sich schon das Wichtigste zu ändern: Die Einstellung der Menschen zu ihrer Region.
Wie wäre es, so wird in den Kursen des Instituts gefragt, das vorhandene Wasser in Zisternen zu speichern und gegen Verdunstung zu schützen oder die traditionellen, aber in Vergessenheit geratenen Regenauffangbecken, die Caxios, ,wiederzubeleben' - kurz: eine Wasservorsorge zu treffen? Auf dem Gelände von IRPAA gibt es Beispiele für Zisternen- und Brunnenbau sowie ertragreiche Landwirtschaft in wasserarmen Regionen. Teure Technologie, die die Kleinbauern in neue Abhängigkeiten stürzen würde, ist unnötig. Oft genügt die Wiederentdeckung alten Wissens, um "Katastrophen" den Schrecken zu nehmen.
Armut ist keine Klimafrage
Die Armut der Landbevölkerung sei weder ein klimatisches noch ein technisches Problem, erklärt Schistek. Sie sei politisch begründet. Jedes Trockenjahr schaffe größere Abhängigkeit von Lebensmittelspenden und Wasserlieferungen durch Regierungsstellen. Die herrschenden Familienclans können dann das Geschäft ,Wahlstimmen gegen Katastrophenhilfe' ankurbeln. Die Politik, so Schistek, zeige kein Interesse, die Strukturen der Armut zu bekämpfen. Der politisch gewollte Bildungsmangel der Landbevölkerung verhindere Lösungen und vergrößere die Latifundien, weil unwissende Kleinbauern mit den Trockenperioden nicht fertig würden und ihr Land verlassen müssten. Sie fristeten dann ihr Dasein als unterbezahlte Tagelöhner der Großgrundbesitzer oder in den Elendsvierteln der Städte.
Auf den Gelände von IRPAA lernen die Bauern Alternativen zu der allgemein im Sertao praktizierten, viel zu sehr von europäischen Vorstellungen geprägten Landwirtschaft kennen. Die Felder bei IRPAA sind mit Sorghum bebaut, einer aus Afrika stammenden Hirsesorte die nicht wie der Mais regelmäßigen Regen braucht. Denn wieso hat eine gute Landwirtschaft auf jeden Fall Mais hervorzubringen, nur weil er die beliebte Frucht portugiesischer Kolonialherren war? Und warum Rinderwirtschaft, wenn Rinder in Trockenjahren zu Tausenden verenden, viel Wasser verbrauchen und schlechte Futterverwerter sind? Ziegen und Schafe sind die klimatisch angepaßte Alternative. Sie überstehen jede Trockenzeit. Ihr Meckern und Blöken überall auf dem Gelände von IRPAA untermalt auch akustisch die Pädagogik Schisteks und seiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für eine andere Landwirtschaft, ein anderes Leben im Sertao.
Neue Möglichkeiten entdecken
"Unsere Arbeit ist deshalb erfolgreich, weil wir kein fertiges Technologiepaket verbreiten, sondern versuchen, den Leuten Verständnis für die Region und das Klima zu vermitteln", erläutert Schistek das Konzept von IRPAA. In drei Kursen pro Jahr - über Klima und Wasser, über Tierhaltung und Feldbau, aber auch zur allgemeinpolitischen Bildung - entdecken Kleinbauern die Möglichkeiten ihrer Heimat. Der Erfolg zeigt sich, wenn sie aufhören, neidvoll auf die nahe dem Institutsgelände gelegenen Felder von Großgrundbesitzern zu schauen, die sich das ganze Jahr über in grüner Pracht zeigen. Die Felder, subventioniert von millionenschweren Regierungsprogrammen, werden mit Wasser aus dem nahen São Francisco bewässert. ,Als sei das, wie Politiker verkünden, die Lösung für den Sertäo. In Wahrheit taugen nur fünf Prozent seiner Fläche für Bewässerung. Und der Aufwand ist so kostspielig; daß sich nur der Anbau von Edelfrüchten und -gemüsen für den Export rechnet. Längst schon werden aus dem Nordosten Spargel oder Tafeltrauben in alle Welt versendet. Das Geschäft macht wenige reich, die Mehrheit hungert.</td><//td><//td><td class="re"></td></td><//td>
Auch auf dem Sertao liegt Gottes Segen
Offenbar, so beginnen die Kleinbauern zu verstehen, hat Gott den Sertão nicht für Spargel und Trauben geschaffen. Er hat ihm auch nicht seine Zuneigung entzogen. Er hat ihm eigene Vorzüge gegeben: Viel Sonne, eine vielfältige Pflanzenwelt, einen Boden, auf dem das Lebensnotwendige für Mensch und Tier gedeiht. "Und Gott braucht sich auch nicht", so Harald Schistek, "von Politikern ,verbessern' zu lassen, die sich für eine Fuhre Wasser Land und Leben der Kleinbauern ,in die Taschen stecken"' Das alles beginnen die Kursteilnehmerinnen und -teilnehmer bei IRPAA, zwischen Schafen, Ziegen und Hirsefeldern, zu verstehen und daraus - wie João und Chico - neue Hoffnung zu schöpfen.
Die Wünschelrute ist kein fauler Zauber
Wie eine Frau aus Deutschland ohne aufwendige Technik im Sertão Wasser findet und Kleinbauern zu Wünschelrutengängern ausbildet
"Jeder Tropfen zählt" - lautete das Leitwort der Misereor-Fastenaktion 1996. Während wir hierzulande in Küche und Bad nur den Wasserhahn aufdrehen müssen, um sauberes Trinkwasser zu erhalten, ist das tägliche Wasser für viele Arme in der Dritten Welt keine Selbstverständlichkeit.
Das gilt auch für den trockenen Nordosten Brasiliens. Die 32jährige Maria Oberhofer setzt ein ganz besonderes Talent für die Menschen dort ein: Sie findet Wasser mit der Wünschelrute.
Seit Juli 1995 gehört Maria Oberhofer zum Mitarbeiterstab des Landwirtschaftsinstituts IRPAA in Juazeiro, das Kleinbauern aus dem Sertão in Fragen der Klimaentwicklung, der Bodenbearbeitung, der biologischen Düngung und Vorratswirtschaft, der Kleintierhaltung und Tiermedizin berät. Alle diese Themenbereiche sind eng verknüpft mit dem zentralen Problem des Sertão: Wasser. Den Schlüssel dazu hält Maria Oberhofer buchstäblich in den Händen: - sie ist Wünschelrutengängerin.
"Natürlich wie das Wasser"
Die ausgebildete Gärtnerin aus der Gegend von Landshut in Niederbayern kannte IRPAA schon von einem Besuch 1992. Damals entstand bei den Mitarbeitern und bei Maria die Idee, sie könne für längere Zeit das IRPAA-Team verstärken. Nun bewohnt sie ein sehr kleines und einfaches Haus auf dem Gelände des Instituts und stellt ihre "Gabe des Wünschelrutengehens", wie sie sagt in den Dienst der Kleinbauern.
Wenn Maria Oberhofer eine einfache Rute aus Kunststoff oder Metall in die Hand nimmt, verraten ihr Gesicht und der ganze Körper äußerste Konzentration. Sie geht langsam, mit kleinen Schritten, eine Strecke ab. Wenn die Wünschelrute ausschlägt, muß Maria Kraft aufwenden, um sie zu halten. Die Anspannung steht ihr im Gesicht geschrieben. Dann geht sie, um sich des entdeckten Wasservorkommens zu vergewissern, die Strecke ein zweites Mal ab. Nach einer Zeit des Schweigens macht sie Angaben über den Ort: Ob und wieviel Wasser sich dort befindet. Wie tief es liegt, um es mit einer Bohrung anzuzapfen Ob es süß oder salzig, Trink- oder Schmutzwasser ist. Sie macht diese Angaben präzise. "Das darf man nicht dramatisieren", sagt sie. Die Gabe ist so natürlich wie das Wasser."
Die Zahlen sprechen für sich
Maria Oberhofer hat keine weiteren Erklärungen für dieses Phänomen. "So wie andere Menschen hören, nehme ich Wasser wahr." Mehr möchte sie darüber nicht spekulieren. Sie zieht eine genaue Grenze zwischen ihrer Gabe und der Versuchung, sie und sich zu verklären. Es entspricht nicht ihrer Art, mythische Geheimnisse um ihre Person zu spinnen.
Andererseits hält sie Skeptikern nüchterne Zahlen entgegen:
"Brunnenbohrungen sind mit einem hohen technischen und finanziellen Aufwand verbunden. Geologisch-technische Untersuchungen zur Bestimmung von unterirdischen Wasservorkommen haben eine Trefferguote von 30 bis 40 Prozent, Wünschelrutengehen von 80 bis 90 Prozent." Im übrigen wird sie im Sertão auf weniger Skepsis stoßen als in ihrem Heimatland: Im brasilianischen Nordosten sind die Menschen den Umgang mit vielen "außergewöhnlichen Dingen""zwischen Himmel und Erde gewohnt.
Darum geht es Maria Oberhofer vor allem: Wie kann sie den einfachen, wenig gebildeten Menschen des Sertão ihre Gabe zugänglich machen? In den Kursen von IRPAA versucht sie, Kleinbauern ausfindig zu machen, die mit der gleichen Gabe des Wassergespürs ausgestattet sind wie sie. "Wenn man die Gabe nicht hat, kann man sie nicht erlernen. Wenn man sie hat, muß man ihre Anwendung üben", sagt Maria. Die Arbeit ist noch nicht getan, wenn die Wünschelrute in den eigenen Händen ausschlägt. Ihre Zeichen muss der Wünscheirutengänger präzise auf Tiefe, Menge und Beschaffenheit des Wassers deuten können. Das geht nur durch viel Übung.
Bestandteil eines neuen Konzepts
Nur im Rahmen des Gesamtkonzepts von IRPAA macht das Wünschelrutengehen Sinn. Kleinbauern, die mit einem kleinen Stückchen Land neben den riesigen Ländereien des gierigen Großgrundbesitzes und mit äußerst knappen technischen und finanziellen Mitteln traditionelle Landwirtschaft betreiben, ständig vom Ruin durch Ernteausfall und Verdrängung bedroht, kommen ins Institut, um eine dem Klima, dem Boden und ihren eigenen Möglichkeiten angepasste Landwirtschaft zu erlernen. müssen sie bereit sein, von alten Gewohnheiten und Methoden Abschied zu nehmen und sich auf neue Erkenntnisse einzulassen, z.B.: Dass Hirse im Sertão eine sichere Ernte bringt. Dass mit Ziegenhaltung jede Trockenzeit zu überstehen ist. Dass man mit einer ebenso einfachen wie geschickten Wasserhaushaltung die größten Schrecken der Dürre bannen kann.
Die Ziege - eine Lebenskünstlerin
Meckern kann jeder. Ich kann mehr. Ich kann mit neunmal weniger Wasser auskommen als eine Kuh. Du denkst, dass sei nichts Besonderes? Irrtum.
Wo ich lebe, im Nordosten Brasiliens, regnet es höchstens vier Monate im Jahr. Von November bis Februar kommt der Regen, mal heftig, mal gar nicht. Meist ist es staubtrocken hier, zum Husten. Mir macht das nichts aus, ich kann gut damit leben. Die großen Tiere nicht. Leben ist hier etwas Besonderes. Leben ist eine Kunst.
Ich esse auch weniger als die großen Tiere. Auf meinem Speisezettel können ganz einfache Sachen stehen: Kakteen zum Beispiel – auf die Dornen kann ich allerdings gut verzichten. Hast du schon einmal eine Kuh gesehen, die Kakteen knabbert? Nein? Na also!
Am liebsten würde ich ja ganz frei in der Natur herumspringen. In Bäume und Sträucher klettern, mal hier, mal dort ein Blättchen naschen. Das sieht der Bauer aber gar nicht gerne. Um unsere Weide hat er deshalb einen Zaun gebaut, und stell‘ dir vor: Ein richtiges Zuhause habe ich auch: einen Eins-A-Ziegenstall.
Die Familie, die mich mit ein wenig Futter und Wasser unterhält, hat das ganze Jahr über Milch. Und da steckt mehr drin als in der Milch von der Kuh. Mehr von dem, was ein Kind so braucht, um zu wachsen und gesund zu sein. So wie ich. Mir geht’s noch prima, wenn die Kuh schon lange keine Milch mehr gibt, klapprig wird und immer noch mehr Wasser will. Die ist ja so empfindlich und wird schnell krank.
Ich brauche nur ein bisschen Salz zum Lecken und ein paar einfache Impfungen, dann bleibe ich fit. Die Impfungen erledigt der Bauer selber. Und erst dieser Aufwand, wenn die große Kuh ein kleines Kalb zur Welt bringt! Dabei macht sie das in zwei Jahren nur einmal. Mensch, in der Zeit bringe ich sechs Junge zur Welt! Bis die ihr erstes Kalb auf wacklige Beine stellt, springen meine Enkel schon über die Weide und düngen mit ihrem Mist die Felder des Bauern.
Der Bauer mag mich übrigens zum Fressen gern. Und auch auf mein Fell hat er es abgesehen. Das kann er für gutes Geld verkaufen. Ich darf gar nicht daran denken! Da fühle ich mich gleich ganz schlecht in meiner Haut.
Leben ist eine Kunst im trockenen Nordosten Brasiliens. Und ich bin eine große Lebenskünstlerin. Wenn es um uns Ziegen geht, gibt es nichts zu meckern.




