Lectio Divina: Die vier Schritte
- Lectio Divina: Die vier Schritte.
1. Lectio: Lesung
„Lectio“ bedeutet „Lesung“. Damit ist ein besinnliches und langsames Lesen gemeint. Wenn jemand einen Brief von einem guten Freund bekommt, wird er jedes Wort verkosten und versuchen, zwischen den Zeilen zu lesen. Wichtige Passagen, die die Liebe des Absenders ausdrücken, werden wieder und wieder gelesen.
Die alten Mönche raten, dass man beim Lesen der Heiligen Schrift so vorgehen sollte, als lese man den Text zum ersten Mal und warte förmlich darauf, von Gott angesprochen zu werden.
Nicht immer, sind die Texte der Bibel dabei angenehm. Manchmal trösten sie, aber sie können auch provozieren und mit Tatsachen und Wahrheiten konfrontieren.
Menschen, die uns lieben, sagen manchmal auch schwere Wahrheiten. Aber diese schmerzlichen Aussagen, der Spiegel, den sie uns vor Augen halten, enthalten vermutlich genau das, was wir hier und jetzt brauchen. Das Lesen des Bibel fängt für gläubige Christen daher immer mit der Frage an: „Was willst du mir sagen, Herr?“
2. Meditatio: Besinnung
In der frühen Kirche wiederholten die Mönche oft einfach Worte der Schrift und zwar so lange, bis diese Worte in ihr Herz vorgedrungen waren. So wollten sie das bei der Lesung empfangene Wort aufgreifen und mit in den Alltag und seinen Beschäftigungen mitnehmen.
Meditation bedeutet ein aktives Bemühen, in den Bibeltext einzudringen. Es geht um die Fragen: „Wo komme ich hier im Text vor?“ und „Was ist die Botschaft für mich?“
Dabei kann es helfen, Zusammenhänge zwischen der Geschichte Gottes und seiner eigenen Lebensgeschichte herzustellen. Erinnerungen, Erfahrungen, Gefühle und Sehnsüchte sind gefragt, damit der Leser den Text als seinen Text verstehen kann. Es geht darum, sich mit dem Wort Gottes vertraut zu machen.
3. Oratio: Gebet
Das, was dem Leser bei der Betrachtung aufgegangen ist, führt ihn zum Gebet. Es ist hiermit die spontane Antwort auf das Gelesene gemeint. Die „Oratio“ in der Schriftlesung ist das Rufen des Herzens zu Gott. Es ist die Antwort des Menschen, der sich ganz persönlich vom Wort Gottes berührt weiß. Freude, Lobpreis und Dankbarkeit für das, was Gott getan hat können ausgedrückt werden, aber auch Wut, Schmerz und Frustration.
4. Contemplatio: Ruhen bei Gott
Ein altes Wort für diesen Schritt ist „Beschauung“. Nach dem der Mensch sein Herz vor Gott ausgeschüttet hat, ruht er nun vor Gott. Er schweigt, indem er seine Aufmerksamkeit einfach auf Gottes Gegenwart richtet. Contemplatio ist Spielen, Ruhen und sich geliebt wissen von Gott. Dasein vor ihm. Hier erwartet der Mensch nichts mehr, will auch nichts mehr wissen und bekommen, sondern einfach da sein in der Gegenwart Gottes. Es ist Aufmerksamkeit im Jetzt.
