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22.5.2012

Die Glocken von St. Christophorus

Haben Sie das schon einmal erlebt? Sie stehen um kurz vor zehn Uhr an einem hohen Feiertag am Fuße des Wolfsburger Klieversberges nahe dem Stadttheater und werden auf wunderbare Weise von Glockenklängen umhüllt?
Dann haben Sie etwa das Erlebnis einer mehrteiligen Großorgel in einem Dom. Aus Westen klingen die Geläute der St.Josefs- und der Kreuzkirche zu Ihnen herüber. St.Josef mit seinem Te-deum und die Kreuzkirche mit ihrem Gralsmotiv nach Wagners Parsifal bilden vom Klangeindruck her die Mittel- oder Aequallage einer Orgel.
Die Christuskirche mit ihrem Idealsextett nach Griesbacher bildet etwa die Oktave zur Mittellage. Wie eine strahlende Mixtur flutet vom Klieversberg das Kleingeläute der Reformierten Kirche am Klinikum den Berghang hinunter und setzt allem die leuchtende Krone auf. St. Christophorus steuert endlich den fundamentalen Baß bei.
Gehen Sie nun durch Straßen und Häuserschluchten auf die beiden Hauptkirchen zu, und bleiben auf halbem Wege zwischen Christus und Christophorus stehen, dann werden Sie feierlich von einem elfstimmigen Großgeläute verzaubert,
denn die Glocken der Christuskirche bilden eine Auffüllung und Erweiterung der Glocken von Christophorus. Wie alle Wolfsburger Stadtglocken sind auch die Glocken dieser beiden Kirchen sauber auf den 1/16-Halbton aufeinander
abgestimmt.
Auf die Frage "Warum hat unsere Kirche Stahl- und keine Bronzeglocken?" hatte Prälat Holling, der Gründer von St.Christophorus und sieben weiterer Katholischer Wolfsburger Kirchen, eine plausible Antwort: Bronzeglocken müssen im Kriegsfall abgegeben werden, Stahlglocken nicht! Diese Antwort mag heute oberflächlich betrachtet nicht mehr befriedigen, war doch 1951 wieder genug Bronze verfügbar und mag ein Preisvorteil von 40% von Stahl- gegenüber Bronzeglocken nicht mehr überzeugt haben. Wenn man aber bedenkt, daß Prälat Holling in seinem Leben zweimal, nämlich 1917 und 1942 die schmerzhafte Enteignung von Kirchenglocken miterlebt hat, dann kann man ihm durchaus recht geben. Die fünf Glocken unserer Pfarrkirche wurden 1951 vom Gussstahlwerk Bochumer Verein, gegründet 1842 von Jacob Meyer, gegossen. Haupttätigkeit des Werkes war die Herstellung von Komponenten für Eisenbahnfahrzeuge, wie Zylinderblöcke für Dampflokomotiven und Radsätze. Die 1970 geschlossene Glockenabteilung entstand mehr aus Experimentierfreude, um zeigen zu können, was im Stahlformguss möglich ist.
Die Glocken unsere Kirche wurden in der sogenannten V 7-Rippe gegossen, die eigens für das Material Gußstahl entwickelt wurde. Von der Rippe, auch Profil oder Wandung genannt, hängen hauptsächlich der Teiltonaufbau und die Gravität des Glockenklanges ab. Vom Gußmaterial hängen die Resonanz und die empfundene Beseeltheit des Klanges ab.
Bronze ist unübertroffen, jedoch sind gute Stahlglocken mancher Ersatzlegierung oder gar dem Eisenhartguß deutlich überlegen.
Unsere Glocken sind sogenannte Molloktav-Glocken, weil sie als Hauptsummtöne, vom metallisch klaren Haupton, dem Nominal aus gesehen, der sich mit der Prim decken soll, eine laut singende Unteroktav und ebensolche Mollterz haben. Die Quinte ist nur ein latent, also verborgener Summton. Alle Teiltöne oberhalb der Oberoktave nennt man in Anlehnung an den Orgelbau Mixtur. ie Mixtur bestimmt
hauptsächlich den Klangcharakter. Das Verhältnis der Nominale untereinander nennt man, ebenfalls in Anlehnung an den Orgelbau, Disposition. Die Disposition unseres Geläutes ist ein erweitertes Te-deum-Motiv. Es ermöglicht etwa 50 verschiedene Teilekombinationen. Die Motive werden meist nach dem Anfang gregorianischer Melodien benannt. Unsere drei kleineren Glocken bilden das Gloria-Motiv, die drei mittleren das Pater-noster-Motiv oder die drei großen das Te-deum-Motiv.
Wie fast alle Stahlgeläute ist auch unser Geläute von wuchtig, bombastischem Charakter. Die Innenharmonien sind nach Abnahme eienr Stimmzugabe an einer Großdrehbank von tadelloser Reinheit. Charakteristisch sind die spitzen und scharfen Anschläge der kleinen und die donnerartigen der großen Glocken. Jedoch wird der Klang mit zunehmender Entfernung vom Turm transparent und reizvoll. Das Geläute von St.Christophorus wurde oft als brutal, penetrant gerügt. Die bisweilen sehr derbe Wirkung ist aber weder der Rippenkonstruktion noch dem Material Gußstahl zuzuschreiben. Nach Aussage des für Stahlglocken führenden Experten Theo Fehn (1910-1984), des Glockensachverständigen der Pfälzischen Landeskirche, gehören Stahlglocken unbedingt in eine geschlossene Glockenkammer mit dichtschließenden Jalousien, in der sich der Klang entwickeln und mischen kann, um dann wohl dosiert ins Freie zu treten. Musterbeispiele sind die Dome von Osnabrück und
Paderborn. Aus architektonischen Gründen kam unser Geläute aber in einen offenen Stahlbetonturm mit Stahlglockenstuhl, der der beim Läuten mitresoniert und die hohen und spitzen Teiltöne enorm verstärkt. Hinzu kommt, daß das für den Turm völlig überdimensionierte Geläute an stark gekröpfte Joche gehängt werden mußte, die die Klangentfaltung empfindlich hemmen.
Abschließend muß festgestellt werden, daß unsere Kirche ein durchaus qualitätvolles Stahlgeläute besitzt, daß oft zu unrecht in schlechtem Ruf stand. Besonders die Michaelsglocke-des1 und die Josefsglocke-es1 sind besonders schöne Exemplare.
Bronzepilze in den Klöppeln könnten den Klang durchaus veredeln. Eine durchdachte Läuteordnung ließe aufhorchen, sie könnte bislang ungehörte Teilmotive zu Gehör bringen und die schönsten Glocken solistisch hervortreten lassen.
Ideal wäre es, wenn alle Wolfsburger Stadtkirchen einheitlich zehn Minten vor Gottesdienstbeginn läuteten. All dies brächte Wolfsburgs schwerstes und tontiefstes Geläute zu schönerer Wirkung in seiner Funktion als Fundament und Eckpfeiler des Glockenliedes aller unserer Stadtkirchen.
Text: Andreas Lange