22.5.2012

Schwerer Beginn

Der Hirtenbrief von Bischof Machens, den er wenige Wochen nach Kriegsende am 15. Juni 1945 aus dem zerstörten Hildesheim schreibt, bringt Freude und Dank zum Ausdruck (ein Auszug):

"Eine neue Zeit ist angebrochen, ganz besonders auch für unsere Seelsorge. Viele Fesseln sind bereits gefallen; die noch bestehenden werden fallen,  sobald die Übergangszeit beendet ist. Wir können unsere Gottesdienste wieder zur rechten Zeit halten, unsere Festtage feiern, das Wort Gottes frei verkünden, die Werke der Caritas ungehindert üben wir brauchen nicht mehr das. raffinierte Spitzelwesen zu fürchten, das sich selbst bis ins Heiligtum vorwagte. Die Kirche darf wieder in der Öffentlichkeit erscheinen. Sie wird auch ihren Einfluss mit öffentlichen Leben wieder geltend machen können. Versammlungen und Vorträge, Kurse und Tagungen werden wieder stattfinden. Eine katholische Presse, Zeitungen und Schrifttum werden zu gegebener Zeit erscheinen. Wir sind frei geworden in unserer seelsorglichen Arbeit, frei von den quälenden Bestimmungen und dem beengenden Druck, der zwölf Jahre auf uns - lastete, frei, um vieles anders und besser zu machen, als es bislang möglich war. Wir danken Gott für diese Freiheit. Schwere Opfer hat sie gekostet. Wir wollen uns dieser Opfer würdig zeigen und in echt priesterlicher Gewissenhaftigkeit am Neuaufbau unseres Volkes und der Kirche in Deutschland arbeiten."

Die Sorge von Antonius Holling richtete sich auf den Aufbau der Seelsorge für die vielen Menschen, die nun vor allem als Vertriebene aus den Ostgebieten nach Wolfsburg strömten. Nicht wenige von ihnen waren während der nationalsozialistischen Zeit aus der Kirche ausgetreten.

Auch in der großen Volksmission, die Pastor Holling 1947 abhalten lässt, werden die Menschen liebevoll zu Rückkehr aufgerufen:

"Vor allem sind diejenigen herzlichst eingeladen die der Kirche entfremdet worden sind. Tut uns bitte einen Gefallen, hört wenigstens die Predigten an. Wir wollen nicht fragen, warum Du der Kirche entfremdet bist. Komme wenigstens zu einer Predigt und schau nach, ob Du nicht doch das findest, was Du schon lange gesucht hast. Es ist in diesen Tagen so leicht alles, einmal wieder in Ordnung zu bringen. Die Zeit ist ernst genug. Für viele wird die Mission das letzte Anklopfen Gottes sein, die letzte große Gnade. Verscherzt sie nicht. So sind alle recht herzlich und dringend eingeladen. Auch heute - nach mehr als einem halben Jahrhundert richtet sich der Ruf der Gemeindemission vor allem an jene, die der Kirche entfremdet worden sind.
  

Hilfe in der Not

Schwester Ludgera
Schwester Ludgera
Notspeisung
Notspeisung

Wir verdanken Schwester Ludgera (Anna Austermann) viele Aufzeichnungen aus jener Zeit. Sie sind von Pastor Holling in seinen Pfarrbriefen nach dem Krieg wiedergegeben worden und auch von Herrn Bögershausen in der Schrift "Die Notkirche" verwertet worden. Schon während des Krieges waren Pastor Holling einige Schwester als Pfarrhelferinnen geschickt worden. Sie waren ebenso unerwünscht und wurden alle paar Wochen in einer anderen Privatwohnung bei Familien untergebracht. Sie gingen in Zivilkleidung.


Frau Voß, die als Kind damals im heutigen Rathenauplan wohnte, erinnert
sich, dass die Kinder die Schwestern wegen ihrer manchmal kurios wirkenden Zivilkleidung ausgelacht haben. Nach dem Kriegsende konnten sie dann in ihrer Schwesterntracht gehen und gerade in der Notzeit.

Viele Kinder konnten nur mit Hilfe der Mahlzeiten im Kindergarten oder in der Schule halbwegs ausreichend ernährt werden. Mancher wird sich noch erinnern, wie in den umliegenden Wäldern Bucheckern gesammelt wurden, um den Speiseplan aufzubessern. Große Verdienste erwarb sich auch   Schwester Elisabeth Dieckmann. Wie so viele Einrichtungen war auch der Katholische Kindergarten in Baracken untergebracht. Aber auch unter so armseligen Bedingungen wurden die jungen Menschen zu Gott geführt.