22.5.2012

Prof. Porsche beschaffte dem Priester eine Wohnung

Dr. Porsche
Dr. Porsche
Bild am Marienbrunnen
Bild am Marienbrunnen
Kalendereintrag
Kalendereintrag

Stadt ohne Priester

(Einzelheiten in der pdf-Datei Stadt ohne Priester)

Wenn man die Frage klären will, ob die Nationalsozialisten eine Stadt ohne Kirchen wollten oder nicht, dann darf man sich nicht nur an unverbindlicher Korre­spon­denz oder an nie ausgeführten Lageplänen orientieren – eine eindeu­tigere Antwort gibt das Verhalten hinsichtlich der in der neugegründeten Stadt durch­zuführenden Seelsorge. Welchen Grund sollte denn ein Regime haben den Bau von Kirchen anzuordnen, wenn es auch die bescheiden­sten Bestrebungen des zuständigen Priesters be­kämpf­te, hier Gottesdienste zu halten, ja überhaupt ansässig zu werden?

 

Als Quellen stehen uns – neben Zeitzeugen -Dokumente aus dem Diözesanarchiv der Diözese Hildesheim und – ein Glücksfall – der Tischkalender 1940 von Pastor Holling zur Verfügung, in den er fast täglich Eintragungen gemacht hat. Dabei muss in Erinnerung gerufen werden, dass die seelsorgliche Betreuung der vielen in der Stadt tätigen Italiener aufgrund der mit der italienischen Regierung geschlossenen Vereinbarungen durch einen italieni­schen Priester gesichert war. Aber Gottesdienste durften nur für Italiener, nicht für Deutsche gehalten werden (die doch zahlreich aus vielen Gegenden Deutschlands in die neue Stadt kamen). Den zuständigen italienischen Stellen war es verboten, deutsche Gottesdienste in dem ihnen zugewiesenen Raum zu gestatten.

 

Die Bemühungen von Pastor Holling um einen Gottesdienstraum und um eine Wohnung für sich selbst liefen parallel.

Zum 1. März 1940 wird Antonius Holling in die Stadt des KdF-Wagens geschickt.

 

Zusätzlich wurde er durch das Erzbischöfliche Generalvikariat Paderborn zum Pfarrvikar von Hesslingen und (Alt)Wolfsburg ernannt, die bis 1943 zur Diözese Paderborn gehörten.

Neben den Gottesdiensten in der alten Kapelle in Fallersleben – für Deutsche und Polen – hat er für wenige Wochen in der Gaststätte Schulz Gottesdienste gefeiert, bis dies nicht mehr gestattet wurde und er – ausgerechnet an Pfingsten – den Deutschen sagen musste, das sie das Fest nicht mit der Hl. Messe begehen könnten. Seine Bemühungen, in einer evangelischen Kirche oder in der den Italienern als Gottes­dienstraum zugewiesenen Wolterschen Gaststätte Gottesdienst zu feiern, hatten zunächst keinen Erfolg.

 

Es ist bewegend, seine knappen Tagebuchnotizen zu lesen: 

 

Freitag, 8. März: Fahrt zur K.d.F.-Stadt erkundigt bei dem Führer der Italiener daß ich Sonntag keinen Gottesdienst halten konnte, Berlin habe das verboten, sonst dürften die Italiener keinen Gottesdienst mehr halten.  

Sonntag, l0. März: 8 Uhr zu den Deutschen in die K.d.F.-Stadt gefahren, um ihnen die Ablehnung des Gottesdienst mitzuteilen.

Donnerstag, 21.März (Gründonnerstag): Heilige Messe danach rief Superintendent an Kirchenvorstand lehne die Benutzung der evangelischen Kirche ab. italienischer Gottesdienstraum sei frei.

Freitag, 22. März (Karfreitag)(italienischer Lagerführer) Waldemarin lehnt Gottesdienst ab, Dr. Meyer von der Arbeitsfront auch. Saal Schulze gemietet.

Sonntag, 24. März (Ostersonntag): 7 Uhr per Motorrad zur K.d.F.-Stadt Altar im Wirtshaus Schulz (K.d.F.­Stadt) aufgeschlagen 52 Leute. Freude 10 Uhr Fallersleben 49 Soldaten im Ganzen 105 Leute 11.30 Uhr Heilige Messe K.d.F.-Stadt. Kochs besucht verhandelt wegen eigener Wohnung Gottesdienstraum möchte er besorgen Kollekte K.d.F.-Stadt 19.59 RM Fallersleben 16.ol Mark

Montag, 22. April: telefonischen Bescheid von Frau Koch, dass Saal bei Schulz nicht mehr zu haben sei.

Mittwoch, 24. April wird Schulz durch drei Leute aufgesucht, gestattet noch 1 Sonntag den Saal

Freitag, 3. Mai: morgens zum stellvertretenden Bürgermeister Baurat Kleeberg, ordentlich aufgenommen, an Koller verwiesen. Koller ordentlich empfangen, an Liegenschaftsamt verwiesen, Liegenschaftsverwalter Herrn Strohfeld gesprochen, 8 Uhr Maiandacht

Montag, 6. Mai:Gestapo ruft an, ich soll morgen, Dienstag, 8 1/4 Uhr kommen

Dienstag, 7. Mai: 8 1/4 Uhr zur Gestapo, Protokoll unterschrieben. im Anschluß dann zu ,Bürgermeister bezüglich der Genehmigung bei Schulz, Gesuch beim Bürgermeister eingereicht

Sonnabend, 11. Mai: weder Bürgermeister noch ev. Kirche in Heßlingen haben geantwortet. daher ist der Gottesdienst in der KdF-Stadt an den beiden Pfingsttagen nicht möglich.

Donnerstag, 30. Mai: vormittags nach Gerhard, Anweisung eines Platzes erhalten an der Reislinger Straße.

Dienstag, 4. Juni: Zeichnung vom Stadtbaubüro erhalten, nachmittags mit Herrn Methner, Liegenschaftsverwaltung gesprochen, er will morgen mit Dr. Meyer bezüglich der Bereitstellung der italienischen Kapelle sprechen Antwort werde ich sofort erhalten.

Sonnabend, 8. Juni: Baurat Dr. Kleeberg gesprochen, wie bezüglich des Bauens vorzugehen ist. Er sagte mir, durchha1ten, nicht locker lassen. Wer zurückzieht hat hier verloren.

Durchhalten -  

Montag, 17. Juni: Dr. von Rutenberg telefonisch erreicht, teilt mit,daß kein Vertrag vorliege zwischen den Italienern und Deutschen. Nachmittags Liegenschaftsverwaltung Mitteilung gemacht und um Angabe eines Pachtvertrages geschrieben

Donnerstag, 2o Juni: heute erst Don Figus erreicht, er teilte mir mit, daß er ohne Waldemarin nichts machen könne.

Freitag, 28. Juni: frühmorgens Anfrage bei Methner, wie es mit dem Mietvertrag steht. Antwort, Koller hätte nochmals an Methner angerufen wegen des Kapellenplatzes, darum warten

Brief Metners an Figus mir abschriftlich mit Beibrief überreicht. Don Figus kann nicht, Waldemarin will nicht mit mir sprechen, ich soll Antwort am Samstag haben

Freitag, 5. Juli: Anruf nach Braunschweig, Antwort: es geht nicht, da Dr. Lafferenz nur für die Italiener den Raum freigab. ärgerlicher Ton des italienischen Vertreters)Anruf an Dr. Porsche Sekretär ergab, daß nun die Sache in Berlin verhandelt wird

Mittwoch, l0. Juli: nachmittags Dr. Porsche (Sekretär) angerufen, daß ich mit Dr. Porsche sprechen möchte, Antwort werde ich erhalten Anruf ergibt, daß Porsche und Lafferenz gesprochen. Lafferenz sagt, das was Waldemarin sagt, eine offenbare Lüge sei ich soll mich mit den Italienern einigen.

Donnerstag, 25. Juli: Dr. Porsche angerufen, Um ihn persönlich sprechen zu können, Sekretär will mir telefonisch Bescheid sagen, Antrag an Liegenschaftsverwaltung eingereicht zwecks Pachtvertrages des mir vom Stadtbaubüro angewiesenen Platzes

Montag, 5. August: halb 9 Uhr zur Gestapo, wollten Auskunft haben wie weit es hier mit dem Gottesdienst geregelt sei

Freitag, 20. .September vormittags in Berlin nachmittags 4 Uhr zu Bischof Wienkens, dieser schickt mich zum Nuntius, den ich am anderen Tag erst erreichen konnte. 

Sonnabend, 21. September: Rücksprache mit dem Nuntius, ganze Angelegenheit hier klar gelegt. selbiger weist mich an den Öbmann der italienischen Arbeiter in Ber­lin, den ich aber heute nicht mehr erreichen kann  

Dienstag, 24. September: in Berlin morgens zum Guilani, Französische Straße, italienischer Arbeiterobmann. er will die Genehmigung betreffs der italienischen Kapelle geben.

Freitag, 27. September: Don Figus teilt mir mit, daß ich die Kapelle der Italiener mit benutzen darf.

Freitag, 4. Oktober (Herz~Jesu-Freitag) Erste Hl. Messe in der Stadt

den Tabernakel heute in der Kapelle in der Stadt des KdF-Wagens auf­gestellt.

 

 

 

Der Zähigkeit und dem Gottvertrauen von Antonius Holling verdankt die Gemeinde St. Christophorus ihren ersten Gottes­dienste.

Aber mit der Genehmigung der Nutzung des Wolterschen Saals war noch nicht entschieden, dass Antonius Holling überhaupt in der Stadt geduldet war. Die nachfolgenden Eintragungen im Kalender beziehen sich auf diesen Kampf:

 

Sonnabend, 6. April: nachmittags zur KdF-Stadt gefahren, bei Kochs eingezogen

Dienstag, 16. April: Schreiben an das Volkswagenwerk, Abteilung Wohnung und Verkehr zwecks Wohnung

Freitag, 26. Juli: Sekretär Dr. Kaufmann (Porsche) rief an, daß er mich heute um 2 Uhr sprechen werde in meiner Wohnung, Besprechung mit Dr. Kaufmann erstens Kapellennotbau, 2. Wohnung für mich, Dr. K. will Porsche vortragen, ich erhalte morgen Nachricht.

Donnerstag, 8. August: Wohnungssuche in Fallersleben

nachmittag mit Sekretärin von Dr. Porsche und Dr. Lafferenz gesprochen, Wohnung wegen Überfüllung nicht möglich

Mittwoch, 4. September: Kaufmann angerufen, er sagte, er hätte nichts mehr mit der Sache tun.

 

An dieser Stelle ist ein handschriftlicher Briefentwurf zu erwähnen, der von Antonius Holling für Dr. Porsche verfasst wurde und seine ganze Not ausdrückt

"Sehr geehrter Herr Dr. Porsche,
meine augenblicklich schwierige Lage nötigt mich Ihnen..."

 

Offensichtlich wurde dieser Brief nie geschrieben, wie die folgende Kalendereintragung zeigt, hat Pastor Holling Dr. Porsche doch noch telefonisch gesprochen.

  

Donnerstag,17. Oktober: abends Dr. Porsche selbst telefonisch gesprochen, Er hat mir eine Wohnung zugesagt.  

Freitag, 18. Oktober: Dr. Kaufmann teilt mir mit, daß er von Dr. Porsche beauftragt sei, mir eine Wohnung bei Herrn Neef zu vermitteln,

Sonnabend, 19. Oktober: Herr Neef teilt mir mit, daß ich eine Wohnung bekomme und er dement­sprechend an Herrn Staab, den Direktor der Neuland berichtet hat, mir eine Wohnung anzuweisen.

Das Bild Porsches schmückt auch den Marien-Brunnen

 

Montag, 21. Oktober: Herr Staab, Direktor der Neuland, sagte mir, er könne mir keine Wohnung geben, ohne den Amtswalter der DAF (Deutsche Arbeits Front) vorher gefragt zu haben. Donnerstag l0 Uhr soll ich anrufen.

Donnerstag, 24. Oktober: 10 Uhr bei Staab angerufen. er kann noch nichts sagen, da er den Parteibehörden Bescheid gegeben, aber noch keine Antwort erhalten habe. Ton sei auf Pfarrer Holling, nicht auf Holling zu legen. soll keine sakralen Handlungen verrichten, wenn ich eine Wohnung bekomme.

Montag, 4. November: erstes Mal in der neuen Wohnung geschlafen.

 

Der unerwünschte Priester

 

Die Schikanen gingen allerdings weiter.

 

 

Am 30 Juli 1941 erfolgte die Kündigung. Hierauf reagierte Pastor Holling geschickt am 15. September mit der Bitte, ihm die Kündigungsgründe schriftlich mitzuteilen, da er diese

 

  • der Wehrmacht (er war inzwischen auch Standortpfarrer),

  • der bischöflichen Behörde in Hildesheim,

  • Berliner Amtsstellen

angeben muss.

Danach entschloss man sich bei den Stellen der Stadt des KdF-Wagens, „daß die Angelegenheit vorläufig ruhen soll ... weil es schließlich auch keinen Zweck habe, daß in der Stadt des KdF-Wagens über grundsätzliche Kirchen­probleme usw. gestritten wird.“ Diese Reaktion zeigt wiederum die Zwickmühle, in der die nationalsozialistischen Behörden standen: einerseits entschieden gegen die Kirche, andererseits aber Unruhe vermeiden.

Geglückte Taktik

 

 

Leider hat die Unterstützung von Pastor Holling für einige Personen tragische Folgen: Peter Koch, der ihm als erster bei sich aufnahm, wurde – wie von etlichen Zeitzeugen bestätigt wird – vom Leiter der Deutschen Arbeitsfront, Robert Ley, mit der Drohung, ihn „an die Front zu schicken“ aufgefordert, den Pastor aus der Wohnung zu entfernen. Die Drohung wurde wahrgemacht, Peter Koch fiel 1944. Im gleichen Jahr fiel auch Herr Grandke bei Schitomir, der ebenfalls zu den treuen Helfern Hollings gehörte und unter ähnlichen Umständen an die Front geschickt wurde.

Peter Koller erinnert sich an eine Besichtigung des Steimker­bergs zusammen mit Dr. Ley: „

Robert Ley tobte