Weihnachten: Die Welt mit anderen Augen sehen.

Weihnachtsinterview

Unfrieden nicht nur in Europa, Israel und Gaza, sondern an vielen Orten der Welt. Und dann die Weihnachtsbotschaft: Friede auf Erden. Über die Friedensbotschaft von Weihnachten haben wir bei unserem ökumenischen Weihnachtsinterview mit Superintendent Christian Berndt und Dechant Thomas Hoffman gesprochen.

Weltweit gibt es zurzeit mehr als 50 Gewaltkonflikte. Weshalb gelingt es uns Menschen nicht, für bleibenden Frieden zu sorgen?

Christian Berndt Es fängt immer im Kleinen an. Wer den anderen nicht als Mensch sehen kann, wird mit ihm schwerlich in Frieden leben können. Das zeigt auch der Nahost-Konflikt: Wenn Menschen dort aufwachsen und ihnen beigebracht wird, einander zu hassen, wie soll es da jemals zum Frieden kommen? Nur dann, wenn wir den anderen auf Augenhöhe begegnen, ihn wirklich als Menschen kennenlernen, kann Frieden gelingen. Das gilt so im Kleinen und im Großen. Wie sollen Völker sich vertragen, wenn Gemeinsamkeiten immer wieder durch Politik und Polemik getrennt werden?

Thomas Hoffmann Als Christ bin ich davon überzeugt, dass jeder Mensch auf der ganzen Welt ein einmaliges Geschöpf Gottes ist, ausnahmslos von Gott geliebt ist. Deshalb können wir Christinnen und Christen nicht anders, als Frieden zu suchen und danach zu streben! Wir scheinen uns aber, das zeigen die vergangenen Jahre, darauf einstellen zu müssen, dass Leben ein Leben im Krisenmodus ist. Das ist eine enorme Herausforderung, nicht nur für die Welt, auch für den Einzelnen. Unser Auftrag als Kirchen ist es, das Hoffnungslicht immer wieder anzuzünden.

Christian Berndt Wenigsten Weihnachten möge es friedlich sein. Zuhause in der Familie und draußen in der Welt. Das erhoffen wir uns als Menschen. Aber auch, wenn Weihnachten die Welt und die Kriegsmaschinerie nicht stillstehen werden – wir feiern bewusst Gottesdienste und laden Menschen in unsere Kirchen und Gemeindehäuser ein, um daran zu erinnern, dass Unfriede nicht Gottes Wille ist. Wir sind nicht zum Krieg führen geschaffen. Mindestens in der eigenen Familie und vor der eigenen Haustür kann jede und jeder für Frieden sorgen. Das muss bewusst bleiben, das darf nicht aus der kollektiven Erinnerung verschwinden!

Dringt die Weihnachtsbotschaft denn noch durch?

Thomas Hoffmann   Unsere Kirchen sind nicht leer. Nicht an Weihnachten und nicht an allen anderen Sonntagen im Jahr. Wir bieten unsere Botschaft weiter an, in aller Freiheit! Weihnachten als ein hochemotionales Fest macht doch deutlich: In den Menschen ist diese Sehnsucht nach Frieden. Das hat auch etwas mit dem Ereignis in der Heiligen Nacht zu tun. Die Krippensituation ist ein Einbruch von Herrlichkeit und Licht in eine unfriedliche Welt, was noch dadurch verstärkt wird, dass die Heilige Familie, eine Flüchtlingsfamilie, bald nach der Geburt Jesu nach Ägypten fliehen musste. Die Widersprüche dieser Welt sind ein wesentlicher Teil der Weihnachtsgeschichte

Christian Berndt   Frieden geht anders, als es in der Welt versucht wird. Mit Waffen lösen wir keine Probleme, das ist eine Illusion! Die Weihnachtsgeschichte ist genau das Gegenteil. Damals war das eine sehr unfriedliche Situation, das ist uns oft nicht bewusst. Und dann soll ein Kind, die Verletzlichkeit pur, der Friedefürst sein? Diese Sehnsucht scheint alle Lebenserfahrung zu überlagern. Denn die Lebenserfahrung würde sagen: Das kann es nicht sein mit einem kleinen Kind!

Thomas Hoffmann   An Weihnachten kommt keiner vorbei, da kann sich niemand drücken! Das Kind, das wir feiern, hat ja auch Stärke, es ist ein starkes Hoffnungszeichen! Wir bieten diese Friedensbotschaft an, aber Jede und Jeder muss sie in ihr oder sein individuelles Leben hineinholen und mit Bedeutung füllen. Die Weihnachtspredigten können ein Anstoß zum Weitermachen sein, das ganze Jahr über.

Die Weihnachtsbotschaft ist 2000 Jahre alt. Ist das nicht ein alter Schuh?

Thomas Hoffmann   Wir sind nicht die aktuellen Nachrichtensprecher, aber die ewige Botschaft versuchen wir immer wieder zu aktualisieren. Wir schlagen die Brücke von damals ins Heute und machen deutlich, dass das Damals nicht vergangen ist, sondern fortlebt, Gegenwart ist.

Christian Berndt   Welche Werbeagentur kann eine Botschaft 2000 Jahre aktuell halten? Da muss schon wirklich was dran sein. Auch ich brauche jedes Jahr Weihnachten, um es für mich immer wieder zu entdecken. Wir Menschen brauchen Rituale, Feste wie Weihnachten, um Mensch zu bleiben. Das sind wertvolle und notwendige Unterbrechungen unseres Alltages!

Thomas Hoffmann   Die Krippe stand in einer unfriedlicher Welt. Das ist die Realität. So war es immer, so wird es vermutlich leider immer sein. Beides – die Sehnsucht nach Frieden und der Unfriede – sind Teil der einen Wirklichkeit. Damit müssen wir alle klar kommen und trotzdem immer mutig und hoffnungsvoll an einer besseren Welt arbeiten.

Christian Berndt   Krieg und Gewalt sollen nach Gottes Willen nicht sein! Die Realität ist aber: Es wird eher noch schlimmer. Wenn ich mich immer nur darüber aufrege, dass es nicht ist, wie es sein sollte, zerbreche ich innerlich. Der alte Traum – alles wird gut – das ist Weihnachten. Die Welt mit anderen Augen sehen. Was wir vergessen: Im Kleinen gibt es immer wieder Weihnachtswunder.

Was wünschen Sie persönlich sich zu Weihnachten?

Thomas Hoffmann   Als bedrückend und ausweglos erlebe ich den Krieg in der Ukraine. Das gilt auch für den Konflikt in Israel-Palästina. Wie schön wäre eine Beendigung dieser und anderer Konflikte. Ich wünsche mir, dass wir mit dem Klimaschutz weiterkommen, weil ich das als sehr bedrohlich und gefährlich ansehe. Da geht es um die globalen Grundlagen des Lebens. Und für unsere Gesellschaft wünsche ich mir, dass es möglich wird, sich wieder zu verständigen! Dass es möglich wird, gemeinsam am Tisch zu sitzen, sich in die Augen zu schauen und miteinander trotz gegensätzlicher Positionen reden zu können ohne Bewertungen, den anderen in seiner Welt einfach wahrnehmen zu können. Das wäre für unsere Gesellschaft extrem wichtig.

Christian Berndt   Ich wünsche mir viele kleine Wundergeschichten. Weil ich merke, dass ich die selbst brauche. Kleine Hallelujas, den Engelgesang, das wünsche ich mir. Kleine Friedens-Wundergeschichten, die auch bei mir auch ankommen – von nah und von fern.