Digitalität und Klimaschutz

Interview mit André Navratil und Damian Zur, IT-Dienstleister für die kath. Kirche in Wolfsburg

Die vierte Woche des Klimafastens stellt die Frage nach dem bewussten Digitalsein. Im Interview sprechen André Navratil und Damian Zur, Geschäftsführer des IT-Dienstleisters NAZUMA GmbH, über ihren dienstlichen und privaten Umgang mit elektronischen Geräten, Klimaschutz im IT-Bereich und umweltgerechtere Digitalität.

Lieber Damian, lieber André, seit vielen Jahren ist Eure Firma NAZUMA der IT-Dienstleister für die katholische Kirche, den Gesamtverband und die katholischen Schulen in Wolfsburg. Wie kam es dazu?

André Navratil: Vor vielen Jahren saß ich neben Prälat Günther bei einer Erstkommunionfeier und da sind wir auf das Thema Beruf gekommen. Es kam raus, dass wir relativ frisch unsere Firma gegründet hatten. Prälat Günther hatte damals das Thema Homepage ganz oben auf seiner Agenda, und am Ende der Feier waren er und ich dann der Meinung, dass wir uns für dieses Thema mal zusammensetzen. So ist die Zusammenarbeit entstanden. Die Firma Nazuma hatten wir am Ende unserer Uni-Zeit gegründet, wir kannten uns, da wir gemeinsam dort an einem Projekt gearbeitet haben. 

Beim Klimafasten geht es in dieser Woche um bewusstes Digitalsein. Ihr habt sehr viel mit Digitalität zu tun, nehmt Ihr Euch manchmal Zeit, den Umgang mit Technik und den neuen Medien zu reflektieren?

Damian Zur: Was heißt neue Medien, mittlerweile sind ja alle neuen Medien schon ziemlich alt. Dienstlich haben wir von Anfang an versucht, die Arbeit digital zu machen, also möglichst auf Papier und Ausdrucke zu verzichten, das geht heute besser als früher. Außerdem erledigen wir viele Arbeiten online, also z.B. Online-Support und Fernwartung, sodass wir auf das Durch-die-Gegend-Fahren verzichten können. Alle Systeme, die wir betreiben, können wir aus der Ferne warten.
Bei den einzelnen Arbeitsplätzen war das noch schwierig, weil die Internetverbindung zu langsam war, doch das hat sich nun schon verbessert. Coronabedingt ist auch die Akzeptanz höher geworden, Gespräche als Videochats zu führen und Fernwartungstools zu nutzen. Die Leute fremdeln nicht mehr damit, dass man nicht persönlich vor Ort ist. Ich halte das auch für Klimaschutz, dass man nicht so viel unterwegs ist. Außerdem ist es eine Zeitersparnis, wenn Gespräche online stattfinden, denn die Fahrzeiten entfallen, und es wird viel weniger Kraftstoff verbraucht. Auch wenn die Computer- und Servertechnik auch CO2-Ausstoß bewirkt, denke ich, ist es weniger als wenn mehrere Personen zu Besprechungen fahren.
Im Persönlichen muss man sich überlegen, wie man mit elektronischen Geräten umgeht, beispielsweise mit der Lebenszeit. Wie lange behalte ich ein Handy? Da sind auch die Hersteller in der Pflicht. Oft liegt es gar nicht daran, dass es die Hardware nicht mehr schafft nach fünf Jahren, sondern es fehlt häufig an Updates. Der Software-Support ist bei manchen Systemen bei Smartphones nach zwei drei Jahren nicht mehr gewährleistet. Dann muss ich überlegen: reicht mir ein altes System? Hier spielen auch Sicherheitsfragen eine Rolle, insbesondere im Businessbereich. 

Es gibt ja den Begriff Digital Detox. Verzichtet Ihr auch mal einen Tag auf das Handy? Oder ist es so mit Euch verwoben, dass das keine Frage für Euch ist?

Damian Zur: Bei mir ist es so, dass das Handy privat und geschäftlich zum Einsatz kommt. Da wir für unsere Kunden eigentlich immer erreichbar sind, also 24/7, ist es immer am Mann. Es ist schwierig, es nicht in Betrieb zu haben. Sobald man das Handy weglegt, ruft garantiert jemand an. Dieie Kunden wissen, dass sie mich immer erreichen können.

André Navratil: Zu Urlaubszeiten versuchen wir natürlich, uns abzusprechen und zu sagen: Komm, Du kannst das Handy auch wirklich mal ausschalten, ich übernehme Deinen Part. 
Das Wochenende ist auch immer ein bisschen Freiraum, da ist weniger los. Ansonsten ist es richtig, es ist rund um die Uhr angeschaltet und in den Alltag sehr stark verwoben. Die Erwartungshaltungen sind recht hoch, dass man auf diese Art erreichbar ist.

Damian Zur: Man muss lernen, sich da nicht unter Druck setzen zu lassen. Wenn beim Mittagessen das Telefon klingelt, dann lasse ich es auch klingeln und rufe später zurück. Diese Freiräume muss man sich nehmen.

André Navratil: Manche Probleme erledigen sich auch von selbst, und Kunden rufen mal an, um das Problem loszuwerden und stellen nach fünf Minuten fest, das es  sich anders erledigt hat.  Man muss nicht immer sofort reagieren, sondern einschätzen und gut umgehen mit dem, was der Anrufer möchte.

 

Wie ist Eure Einschätzung, welchen Stellenwert hat im IT-Bereich Umwelt- und Klimaschutz? Gibt es in diesem Bereich gute Entwicklungen? Fallen Euch Trends ein? Oder gibt es Anfragen an Euch, die damit zu tun haben?

André Navratil: Die Begriffe tauchen durchaus immer häufiger auf, gerade beim Hosting. Also wenn es um Server oder das Anbieten von Webseiten geht. Also dass die Anbieter viel häufiger sowas wie CO2-Neutralität einhalten oder dass sie Ökostrom für Ihre Rechenzentren beziehen. 
Andererseits sind die Streaming-Anbieter eine sehr große Grundlast, die haben v.a. im letzten Jahr einen extremen Zulauf bekommen. Der Wille der Industrie zu mehr Klimabewusstsein, den kann ich gerade nicht einschätzen.

 

Gibt es Möglichkeiten zu messen, wie CO2-belastet Unternehmens-IT ist?

André Navratil: Die Rechenzentren wissen sicherlich, was sie für einen Verbrauch haben, und große Streaming-Anbieter wissen auch, wie viele Server sie haben und wie viele Daten abgerufen werden. Wie das Einsparpotential aussieht, da ist es schwieriger: Wer schaut sich denn einen Film zweimal an und lädt ihn dafür runter? Da werden doch eher Serien und Filme gestreamt.

Damian Zur: Das Einsparpotential in der Technik fängt bei jedem selber an. Wenn ich ein Handyladegerät in der Steckdose lasse, entstehen mir Kosten von 20 ct pro Jahr, weil auch ohne Last das Gerät Strom verbraucht. Aber wenn in Deutschland 40 Millionen Ladegeräte das ganze Jahr am Strom hängen, macht das schon was aus.
Bei mir persönlich zu Hause ist vieles aus, wenn ich nicht da bin. Außer Kühlschrank, Router und Herd ist bei mir alles über Steckdosenleisten ausgeschaltet.

 

Daten und Informationen sind das Kapital der Zukunft, das sagen die Philosophen. Das 21. Jahrhundert ist das Zeitalter der Medialen Moderne. Welche Einschätzung habt Ihr, werden zu viele Daten erhoben, erstellt und digital verarbeitet – und was bedeutet dies auch für das Klima?

Damian Zur: Es war doch immer schon so, dass Informationen Macht sind. Ob das Einfluss auf das Klima hat, ist schwierig zu beantworten. Der ganze Betrieb und die Hardware, um Daten bereitzustellen, benötigen natürlich viele Ressourcen, sowohl Energie als auch Rohstoffe zur Bereitstellung und Speicherung. Man kann nur hoffen, dass die ganzen Geräte auch gut recycelt werden.
Durch die vielen Infos können wir uns andersherum aber besser informieren, auch über den Zustand unserer Welt und die Möglichkeiten des Klimaschutzes.

Ein Klimafaktor im IT-Bereich ist die Lebensdauer von Geräten. Welche Strategien habt Ihr, um Geräte lange und effizient zu nutzen?

Damian Zur: Also wir haben ja nicht wirklich einen Endkundenverkauf, sondern wir schaffen Geräte für Bestandskunden an, als Support. Unsere Philosophie war immer, dass wir keine Geräte verkaufen, die wir nicht selber kaufen würden. Wenn wir also einen Desktop-PC verkaufen, den wir selbst zusammenstellen, achten wir auf die Komponenten und verbauen qualitativ gute Komponenten. Diese haben eine größere Performance, die Systeme laufen schön und auch länger. Ich denke, aus den ersten Jahren werden immer noch einige PCs in den Gemeinden und Einrichtungen in Wolfsburg laufen, da wir sie immer wieder durch Komponententausch an den Stand der Technik angepasst haben.
Man spart Kosten und Ressourcen, wenn man in Geräten Komponenten tauschen kann. Darauf achten wir. Auch in den Gemeinden und Einrichtungen gucken wir, wo der Einsatzzweck bei alten Geräten noch weitergehen kann. Es gibt oft eine Zweitverwertung, und wir verwerten Komponenten auch weiter. Oder wir geben alte Geräte für soziale Zwecke weiter, z.B. an Pastor Lavrentiev. Manchmal sind Ansprüche an die Geräte ja gar nicht so groß für einen Bürobetrieb, daher kann man viele Geräte lange verwenden.
Auch bei Neuanschaffungen empfehlen wir häufig, sich auf dem Sekundärmarkt umzuschauen. Z.B. für Kitas sind gebrauchte und wiederaufgearbeitete Notebooks ganz gut. Zum einen sind sie günstiger, und weil es oft Business-Geräte sind, sind sie besser wartbar und robuster als neue Geräte. Es geht sehr darum, dass das Gerät, das benötigt wird, dem Nutzungszweck und dem Einsatzgebiet entspricht. Da muss es nicht immer die größte Grafikkarte und der schnellste Prozessor sein.

Habt Ihr aus dem IT Bereich oder bei Thema bewusstes Digitalsein noch Gedanken, die Ihr gern mit uns teilen möchtet?

André Navratil: Ich habe gerade überlegt, wann ich das letzte Mal getankt habe. Das muss Wochen her sein. Es ist unglaublich viel von zu Hause aus möglich gewesen, das ist eine gute Sache für den Klimaschutz. Auf der anderen Seite ist der Streaming-Bedarf in die Höhe gegangen, und ich kann nicht sagen, wie sich das auf das Klima auswirkt.

Damian Zur: Mein Energieverbrauch hat sich im letzten Jahr im Wesentlichen nicht geändert, denn ich achte da schon lange drauf. Aber man könnte sich vornehmen, anstatt eine Serie zu streamen mal wieder zu einem guten Buch zu greifen.

Vielen Dank für das schöne Gespräch!

(Interview: Antonia Przybilski)