Vegane Ernährung und Ernährungserziehung in Kitas

Interview mit Jasmin Cassier, Erzieherin in der Kita St. Altfrid, Gifhorn

Jasmin Cassier, Erzieherin in der Kita St. Altfrid, Gifhorn ist Expertin für das Thema Ernährung. Über das Klimafasten-Wochenthema "Eine Woche Zeit für vegetarische Ernährung" hat Antonia Przybilski ein Interview mit ihr geführt.

Liebe Jasmin, Du ernährst Dich schon lange vegan. Wie kam es dazu?

Ich hatte als Kind schon immer so vegetarische Phasen, aus dem Nichts, es gab keinen Anlass. Damals gab es dann einfach nur Grünkernbratlinge, oder man musste nur die Beilagen essen, deswegen konnte ich das als Kind nie lange durchziehen, weil es nichts Besonderes für mich gab. Mit 13 war das auf einmal auch wieder so, ich hab gesagt, ich will kein Fleisch mehr essen. Vielleicht war ich also schon immer sehr sensibel für dieses Thema.

Als ich in den USA gelebt habe, habe ich viel verarbeitetes Fleisch konsumiert, doch als ich nach Deutschland zurückkam, habe ich beschlossen, mich vegetarisch zu ernähren, das ist jetzt zwölf Jahre her, seit sechs Jahren ernähre ich mich vegan. Der Schritt vom Vegetarismus zum Veganismus ist nicht mehr so groß.

Ich hab mit der vegane Ernährung tatsächlich in der Fastenzeit angefangen. Ich hab vegetarisch gelebt und ich hab gedacht, was würde mir viel ausmachen um einen Verzicht zu spüren? okay, ich esse eh kein Fleisch, ich werde jetzt mal 40 Tage vegan essen und sehen wie doll mit das fehlt, keinen Käse zu essen und keine Eier zu essen, und Milch und Joghurt. Ich muss ganz ehrlich sagen, nach 1,5 Wochen war es schon gar kein Verzicht mehr. Das Fasten war leider gescheitert, aber ich bin beim Veganismus geblieben. Zu Anfang aus sehr egoistischen Gründen, weil ich gemerkt hab, dass es mir gesundheitlich viel besser geht. Meine Neurodermitis ist so gut wie weg, und auch die Magenschmerzen, von denen ich erst gemerkt habe, dass ich sie hatte, als sie weg waren. Wenn es eine Ernährungsform gibt, die mir und meinem Körper gut tut, und ich spüre keinen Verzicht dabei, dann kann ich bei dieser bleiben.

Wenn man anfängt, sich pflanzenbasiert zu ernähren, geht es bald über den Egoismus hinaus, und man macht sich weitreichendere Gedanken: Wie werden Tiere eigentlich gehalten, selbst wenn sie nicht für die Schlachtung gehalten werden, sondern selbst für ihre Produkte, was passiert da eigentlich und wie kann ich das ethisch verantworten. Da war für mich eigentlich klar: ich habe einen Entschluss gefasst, der wird mich nicht mehr zurückbringen in den Verzehr von Tierprodukten. Und als religiöser Mensch möchte ich persönlich dazu beitragen, dass die Schöpfung erhalten wird, vom kleinsten bis zum größten Tier. 

Achtest Du bei Deiner Ernährung auch auf Seitenthemen wie Verpackung, Fertigprodukte, Produktion?

Ich bin sehr froh, dass es viele Ersatzprodukte gibt. Denn es gibt Menschen, die können sich den Weg selbst in den Vegetarismus nicht vorstellen, sie sind aber durchaus bereit, mal für einzelne Maßnahmen auf Ersatzprodukte umzustellen, und selbst das ist schon gut für das Klima. Bei manchen Dingen fällt es auch gar nicht so auf, wie z.B. bei Burger-Pattys. Als jemand, die sich auch für den ökologischen Fußabdruck interessiert, unterstütze ich nicht unbedingt Unternehmen, die eigentlich einen ganz anderen Zweig innehaben. Ich kaufe viel im Bioladen ein, und versuche, so verpackungsfrei wie möglich einzukaufen. Leider gibt es in unserer Umgebung keinen verpackungsfreien Läden. Ich kaufe viele Produkte in kompostierbaren Verpackungen und unterstütze Startups, die sich um Kompensation, Regionalität, Bio-Qualität kümmern. Ich versuche soweit es geht, Plastik zu vermeiden. Dazu habe sogar mal eine Challenge gemacht und über einen Monat allen Plastikmüll gesammelt und gewogen und bin auf 370 g gekommen.

Achtest Du auf bestimmte zusätzliche Label, wie z.B. Fair-Trade-Label?

Ja, bei Kakao, Kaffee und Rohrzucker achte ich sehr darauf. Da ich viel im Bioladen kaufe, denke ich, dass das eine und das andere zusammengehören. Ich versuche auch z.B. Palmöl zu meiden. Dazu fällt mir aus dem Kindergarten eine Anekdote ein, wo ein Kind zu einem anderen sagte „Ich esse diese Schokocreme nicht. In der Schokocreme ist Palmöl, dafür sterben Affen.“ Dann biss das Kind in sein Salamibrot. Ich dachte: Aha, Affen sind anscheinend niedlicher als die Tiere, die für diese Salami gestorben sind. Ich würde das in der Kita ja nicht ansprechen. Aber ich fand die Situation sehr witzig. 

Das ist eine gute Überleitung, Du arbeitest ja als Erzieherin, wie gehst Du dort mit dem Thema Ernährung um? 

Ich bringe mir jeden Tag mein eigenes Essen von zu Hause mit, und es wird in der Küche mit aufgewärmt. Ich versuche montags auf den Wochenplan zu gucken was es gibt, und mir dann etwas einzupacken, das ähnlich aussieht. Ich bin da ja auch Vorbild und will dazu anregen, dass die Kinder ihr Essen essen. Die Kinder achten darauf, wie ich mich ernähre, und die Kinder wissen, dass ich mich anders ernähre, und sie passen zum Teil auf mich auf und beobachten, was ich esse.

Für die Kinder ist das normal, dass ich anders esse, aber es beschäftigt sie auch. Wir haben die älteren Kinder, die 6jährigen. Da hat mich ein Kind in letzter Zeit sehr ausgefragt: „Jasmin, warum isst Du denn eigentlich kein Fleisch, es ist doch gesund?“ Da gerate ich dann wieder in Konflikt, weil ich eine andere Meinung habe – ich finde, Fleischkonsum ist nicht gesund, weder für den Körper, noch für die Umwelt. Aber das kann ich in der Kita nicht so differenziert diskutieren. Ich hab dann einfach nur gesagt, ich möchte nicht, dass für mich ein Tier getötet wird, damit ich es essen kann. Das Kind hat gesagt, es möchte das auch nicht. Es hat aber diese Aussage nicht verknüpft mit dem, was auf seinem Teller lag. Ich bin davon überzeugt, wenn man Kinder fragt, und sie wirklich aus dem Gefühl heraus die Wahl hätten, viele Kinder würden Tiere nicht essen wollen. 

Ihr kocht in der Kita selbst, wirst Du da manchmal gefragt, nach Rezepten oder Tipps?

Ja. Wir haben einige Kinder, die Lebensmittelunverträglichkeiten haben, und da die vegane Ernährung ja auch laktosefrei ist, bin ich da auch gern Ansprechpartnerin für das Küchenpersonal. Dann empfehle ich nicht die laktosefreien Produkte, sondern versuche die vegane Variante vorzuschlagen. Unsere Küche kocht täglich um die 200 Essen, wenn Regelbetrieb ist, und dort wird auf viele Wünsche Rücksicht genommen: Es gibt Kinder mit Glutenunverträglichkeit, auf die geachtet wird, es gibt muslimische Kinder, für die halal-geeignetes Essen gekocht bekommen, und es gibt auch Kinder, die sich vegetarisch ernähren sollen. Ich finde es erstaunlich, dass auf so viele Wünsche geachtet werden kann. 

Beim Klimafasten wird vorgeschlagen, an mindestens drei Tagen vegetarisch zu essen. Gibt es solche Richtlinien auch in Eurer Kita?

Das Küchenpersonal arbeitet nach einem bestimmten Ernährungskonzept, und innerhalb dieses Konzeptes gibt es nur eine große Fleischmahlzeit in der Woche, so wie es auch früher üblich war, und eine Fischmahlzeit. Mindestens zweimal in der Woche sind die Mahlzeiten vegetarisch, wenn nicht dreimal.

Welches Ernährungsverhalten/welche Ernährungstrends beobachtest Du beim Thema Ernährung bei den Kita-Kindern?

 Die Kinder bringen sehr oft, insbesondere in der letzten Zeit, in ihrer Brotdose „Astronautennahrung“ mit. Das sind dann so Quetschies oder Käsestäbchen, also alles noch einmal separat verpackt, die Brotdose ist also völlig unnötig. Oder es sind ausgestochene Brote, sieht zwar nett aus, aber es fehlt da die Kruste, der Widerstand, um die Mundmuskulatur der Kinder zu stärken. Wir möchten den Kindern ja eine gewisse Tischkultur beibringen, in der man mit einem Löffel aus einem Schälchen isst, und sich nicht irgendwelches Essen in den Mund drückt. Aber die to-go-Kultur hat sich so eingeschlichen. Kunterbunt Gemischtes, das man so in den Rucksack wirft, es ist eine Vielfalt von Snacks to go als Frühstücksmahlzeit. Das erschreckt mich immer wieder, und das beobachten wir in den letzten ca. vier Jahren vermehrt.

Ergreift Ihr da Gegenmaßnahmen?

Wir können den Eltern nicht vorschreiben, was zum Frühstück gehört, aber bei Elternabenden zeigen wir, wie wir uns ein gesundes Frühstück vorstellen. Wir versuchen auch mit einzelnen Eltern im Gespräch zu sein und sie zu beraten. Ich habe für die Gruppe einen Smoothie-Maker angeschafft, das lieben die Kinder sehr.

Welche Verbesserungsvorschläge hättest Du für das Thema Ernährung in Kitas?

 Ich bin mit unserer Kita-Küche sehr zufrieden und bewundere unser Küchenpersonal für ihre Flexibilität sehr. Solche Bedingungen wünsche ich mir für alle Kitas. Die Kinder essen ja zu Hause das Fleisch. Vielleicht ist vegetarische Ernährung in der Kita als komplette Ernährung gar nicht schlecht. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt für Kinder im Kindesalter einen maximalen Fleischkonsum wöchentlich in der Größe der Handfläche eines Kindes. Dies entspricht ja schon der in der Kita angebotenen Fleischmahlzeit. Und wenn dann zusätzlich zu Hause auch noch Fleisch konsumiert wird, ist der empfohlene Fleischkonsum der Kinder zu hoch. Es wäre für mich nicht abwegig zu sagen, das Essen in der Kita ist per se ein vegetarisches Essen. Denn dann muss auch nicht so viel für Einzelne gekocht werden, denn dann ist es beispielsweise auch halal-geeignet, es ist vegetarisch, es ist einfacher und nicht so zeitaufwendig zuzubereiten. Die Eltern hätten so selbst die Kontrolle, wie viel Fleisch das Kind isst.

Liebe Jasmin, vielen Dank für das schöne Gespräch und die guten Anregungen und Denkanstöße! 

Literaturtipps von Jasmin Cassier zum Thema vegane Ernährung:

Niko Rittenau: „Vegan-Klischee ade!“
(wissenschaftlich fundiertes Fachbuch/Ratgeber)

Rezeptbücher für Familien:
Carmen Hercegfi: „Vegan in anderen Umständen“
(Rezepte für Schwangere)

Carmen Hercegfi: „Vegan für unsere Sprösslinge“.
(Rezepte für Familien)